Tierversuche Nicht wegducken, sondern kommunizieren!

Berliner Forscherinnen wollten Versuche an Nachtigallen starten, hatten aber Probleme, an Tiere zu gelangen.

(Foto: AFP)

Eigentlich wollten Wissenschaftler beim Thema Tierversuche neuerdings offener sein. Bei geplanten Experimenten mit Nachtigallen in Berlin ist das mal wieder daneben gegangen.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Wenn es um Tierversuche geht, ist neuerdings viel von Verantwortung und Transparenz die Rede. Forscher wollen offen kommunizieren, Sorgfalt demonstrieren, Vertrauen gewinnen. Das ist auch dringend nötig. Und deshalb haben zwei Berliner Forscherinnen ihrer Zunft jetzt einen Bärendienst erwiesen. Nicht, weil sie Tierquälerinnen wären. Sondern weil sie weder Verantwortung noch Transparenz gezeigt haben.

Die Geschichte beginnt im August 2017. Die Freie Universität in Berlin meldet, dass eine FU-Forscherin eine hoch dotierte EU-Förderung für Versuche an Nachtigallen erhält. Zuvor hat die Biologin bei der Senatsverwaltung die Entnahme von drei Dutzend jungen Nachtigallen aus der Wildbahn beantragt. Elektroden im Gehirn der Vögel sollen Erkenntnisse über Autismus zeitigen. Der Antrag wird mit Verweis auf das Bundesnaturschutzgesetz abgelehnt, weil es eine Alternative zu Wildtieren gibt: Zuchtnachtigallen. Die Forscherin und ihre Abteilungsleiterin haben Probleme, an welche heranzukommen. Die Förderung ist gefährdet. Also ziehen sie vor das Berliner Verwaltungsgericht, das den Fall im Januar in seinem Geschäftsbericht beschreibt. Damit ist die Sache öffentlich, die Lokalpresse berichtet, Tierschützer schimpfen.

Forscher müssen offen mit ihren Ansinnen umgehen und für das einstehen, was sie tun

Die Biologinnen aber tauchen ab, geben keine Auskunft, werden von der FU abgeschirmt, um die Förderung nicht zu gefährden. Im Hintergrund wird mit der Regierung über drei männliche wilde Nachtigallen für eine eigene Zucht verhandelt. Der Senat tobt. Dann plötzlich die Lösung: Die Forscherinnen sollen ihren Antrag neu stellen. Dann werde es "zügig" weitergehen, denn Berlin will ja ein Leuchtturm exzellenter Forschung sein.

Man kann das nun eine Politposse nennen. Der Kern des Problems aber ist ein anderer, er betrifft tatsächlich das viel sensiblere, strittigere Thema vom Umgang der Wissenschaft mit Tieren. So berechtigt Experimente an Affen, Mäusen oder sogar Nachtigallen sein mögen, es gibt aus guten Gründen strenge Regeln dafür. Sie sollen Tiere vor überflüssigen Versuchen, Wildtiere vor einer willkürlichen Entnahme und letztlich auch Wissenschaftler vor einem Vertrauensverlust schützen. Forscher müssen diese Regeln kennen. Und sie müssen offen mit ihren Ansinnen umgehen und für das einstehen, was sie tun.

Das ist in Berlin nicht geschehen. Die Forscherinnen waren sich offenkundig nicht darüber im Klaren, dass ihr Vorhaben mit dem Bundesnaturschutzgesetz kollidiert. Sich nach dieser Kollision sogar wegzuducken und in Hinterzimmern mit der Politik zu verhandeln, anstatt sein Ansinnen öffentlich zu vertreten, schwächt abermals das Vertrauen in die Wissenschaft. Gerade, wenn es um Tierversuche geht.

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