Forschung Deutschlands Tierversuche

Mäuse sind mit Abstand die am häufigsten eingesetzten Versuchstiere, etwa 1,9 Millionen Nager waren es 2016.

(Foto: dpa)
  • Tierversuche sind auch in Deutschland Alltag, 2016 wurden insgesamt etwa 2,8 Millionen Versuchstiere eingesetzt.
  • Etwa die Hälfte der Tiere starb für Experimente der biomedizinischen Grundlagenforschung.
  • Dabei gäbe es, das sagen die Kritiker, genügend tierversuchsfreie Methoden.
Von Hanno Charisius

"Mit Entsetzen" blickt Corina Gericke auf die aktuellen Tierversuchszahlen, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vor einigen Wochen für das Jahr 2016 bekannt gegeben wurden. Die Vizevorsitzende der Tierschutzorganisation "Ärzte gegen Tierversuche" kritisiert die erneut sehr hohen Zahlen. 2 796 773 Versuchstiere listet die offizielle Statistik auf. Etwas mehr als die Hälfte starb für Experimente der biomedizinischen Grundlagenforschung.

Den heftigen Anstieg der Zahlen seit Ende der 1990er Jahre erklärt Gericke mit Versuchen an gentechnisch veränderten Tieren zur Erforschung der Funktion einzelner Gene. Dazu zählen auch die meisten der 1,9 Millionen Mäuse, die 2016 für Forschungszwecke verwendet wurden. Hinzu kommen jeweils etwa 300 000 Fische und Ratten, 485 Katzen, 2008 Hunde, sowie weiter: Hamster, Kaninchen, Reptilien, Schweine, Schafe und Ziegen, fast 1800 Affen und Halbaffen. Tierversuche an Menschenaffen sind in Deutschland seit 1991 verboten. Nur noch ihr Verhalten darf untersucht werden.

87 Prozent der Versuchstiere sind Säugetiere. 53 Prozent der Tiere werden für die Grundlagenforschung genutzt, 14 Prozent für angewandte Forschungsfragen, die etwa nach neuen Medikamenten oder anderen Therapiemöglichkeiten suchen. Daneben dienen zwei Prozent dem Artenschutz und 2,3 Prozent alleine der Zucht von weiteren Versuchstieren. 26 Prozent der Tiere werden für regulatorische oder Routinetests gebraucht, darunter fallen auch Untersuchungen zur Festlegung von Grenzwerten.

Durch die Versuche an Tieren ermitteln die Risikoforscher jene Dosis, bei der ein Stoff einen Organismus nicht mehr erkennbar schädigt. Weil sich solche Messergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragen lassen, wird ein Sicherheitsfaktor von 10 bis 10 000 aufgeschlagen, abhängig davon, wie viel über den Stoff bereits bekannt ist. Aus diesen Tests leiten Experten schließlich auch jene Dosen ab, die ein Mensch gefahrlos maximal an einem Tag aufnehmen darf, aber auch, welche Menge kein Problem darstellt, wenn sie jeden Tag, ein ganzes Leben lang eingenommen wird. Heraus kommen gesundheitlich tolerierbare Aufnahmemengen, die der Gesetzgeber schließlich zu Grenzwerten umformulieren muss.

Gemäß Tierschutzgesetz werden in Deutschland nur Tierversuche durch die damit befassten Kommissionen gestattet, die - neben weiteren - einem der folgenden Zwecke dienen:

  • für die Grundlagenforschung
  • Forschung zur "Vorbeugung, Erkennung oder Behandlung von Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder körperlichen Beschwerden bei Menschen oder Tieren", wie es in Paragraf 7a des Tierschutzgesetzes heißt.
  • um die Haltungsbedingungen von Nutztieren zu verbessern
  • Schutz der Umwelt mit dem Ziel, Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen und Tieren zu verbessern
  • der Aus- und Fortbildung, zum Beispiel von Medizinern

Bei alledem muss das Leiden der Tiere "im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sein" und alternative Methoden, mit der sich die Forschungsfrage, ebenfalls beantworten ließe, sind zu bevorzugen.

Kritiker wollen dem Leiden der Tiere ein Ende setzen. "Tierversuche könnten sofort eingestellt werden, wenn der politische Wille da wäre", sagt Corina Gericke. Es gebe genügend tierversuchsfreie Methoden, insbesondere im regulatorischen Bereich. Außerdem kritisiert sie die langwierigen Anerkennungsverfahren für tierversuchsfreie Methoden. Oft dauere es zehn bis 15 Jahre, bis ein Verfahren anerkannt würde. "Sie werden immer an Tierversuchen gemessen, dabei hat nie jemand überprüft, ob Tierversuche überhaupt belastbare Ergebnisse liefern."

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