Studie des Umweltbundesamts Klimaneutrales Deutschland bis 2050 möglich

Für die Energiewende setzt Deutschland vor allem auf Windparks und Solarenergie

(Foto: dpa)

In einer Art Utopie zeichnen Forscher das Bild eines klimafreundlichen Deutschlands im Jahr 2050: Der Energieverbrauch ist halbiert, Autos fahren mit synthetischen Kraftstoffen, geheizt wird mit Strom. All das sei möglich - aber wie ist der Weg dorthin?

Von Marlene Weiß und Michael Bauchmüller

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit tut sich mitunter eine tiefe Kluft auf. Am Sonntag wird man wieder einmal in so einen rabenschwarzen Abgrund hineinblicken können, wenn der Weltklimarat IPCC den dritten und letzten Teil seines aktuellen Berichts vorlegt. Es geht darin um Handlungsmöglichkeiten gegen den Klimawandel - davon gäbe es einige, nur getan wird wenig. Sogar im Energiewendeland Deutschland verzagen viele. Mehr Klimaschutz? Geht nicht. Viel mehr erneuerbare Energie? Geht nicht. Verkehr ohne Benzin und Diesel? Geht nicht. Ein klimaneutrales Industrieland? Geht schon gar nicht.

Geht doch, sagt das Umweltbundesamt. In einer Studie, die demnächst veröffentlicht werden soll, beschreibt es ein Deutschland, dessen Treibhausgas-Emissionen 2050 im Vergleich zu 1990 auf ein Zwanzigstel geschrumpft sind. Und das faszinierendste an der Utopie ist, dass sie sich gar nicht so sehr von der Gegenwart unterscheidet - jedenfalls nicht im Alltag. Zwei Jahre wurde im Uba an dem Szenario gearbeitet. Die Annahme: Im Grunde geht es weiter wie bisher, mit wachsender Industrie und sogar noch etwas mehr Verkehr als heute. Nur eben klimaneutral. "Es sollte niemand sagen können: Da muss man erst die Menschen ändern", sagt Uba-Fachbereichsleiter Harry Lehmann. "Man wird immer an ideologischen Punkten angegriffen."

Darum spart die Studie die heikle Frage nach dem richtigen Lebensstil aus; nur bei der Ernährung nehmen die Autoren an, dass die Menschen weniger Fleisch essen als heute. "Wir sagen nicht, dass es so kommen wird, oder muss", sagt Lehmann. Aber es könnte eben, und er ist sogar optimistisch, dass Deutschland in einigen Jahrzehnten gar nicht mehr so weit weg ist von der Klimaneutralität, auf die eine oder andere Weise.

Die Welt im Jahr 2050, wie das Uba sie entwirft, braucht vor allem viel Strom: Der soll auch - unter anderem per Wärmepumpe - Häuser heizen, und Autos antreiben. Zwar soll nur ein kleiner Teil der Autos rein elektrisch unterwegs sein - die weitaus meisten Fahrten absolvieren Hybridautos. Aber statt mit herkömmlichem Treibstoff sollen sie bis 2050 vor allem mit synthetischen Flüssigkraftstoffen fahren. Also eine Art künstlicher Benzin- oder Diesel-Ersatz, hergestellt aus Wasserstoff, der mit überschüssigem grünen Strom aus Wasser abgetrennt wird. Biokraftstoffe aus eigens angebauten Energiepflanzen sollen wegen der Konkurrenz mit der Nahrungsmittelerzeugung im Jahr 2050 nicht mehr eingesetzt werden. Stattdessen kommen Reststoffe zum Einsatz, aber weit reichen sie nicht: Selbst wenn man alle festen Abfälle zu Biokraftstoff verarbeiten würde, könne das nur ein "begrenzter Beitrag" zum Bedarf des Verkehrs sein - die Studie kommt auf nicht einmal ein Siebtel.

Obwohl der Energieverbrauch insgesamt etwa halbiert werden soll, vor allem durch mehr Effizienz bei Haushalten und Industrie, würde sich der Stromverbrauch mehr als verfünffachen, auf etwa 3000 Terawattstunden. So viel Strom kann allein in Deutschland nicht aus Wind und Sonne erzeugt werden. 62 Prozent des Verbrauchs müssten also importiert werden, ähnlich wie Steinkohle und Erdöl heute.

Das Szenario ist ausdrücklich nicht als Blaupause, sondern eher als Diskussionsgrundlage gedacht, auch für internationale Klimaverhandlungen. "Unsere Studie zeigt, dass ein hoch entwickelter Industriestandort wie Deutschland ambitionierte Klimaschutzziele erreichen kann", sagt der amtierende Uba-Präsident Thomas Holzmann. Die langfristigen Ziele erforderten aber eine erhebliche Umstrukturierung in allen Wirtschaftsbereichen - und ein gesellschaftliches Umdenken.