Sechs Todesfälle sind sechs zu viel und es kann zynisch wirken, sie gegen andere aufzurechnen. Um das Risiko einzuordnen, müsste man dennoch neben die täglichen Meldungen zur Schweinegrippe die täglichen Opferzahlen der konventionellen Grippe stellen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Jedes Jahr sterben an der saisonalen Influenza in Deutschland 5000 bis 12.000 Menschen - darunter Kinder ohne Vorerkrankungen. An Allergien gegen Wespenstiche sterben jährlich in Deutschland 30 Menschen.

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Aber wer traut sich, angesichts der täglichen Zahlen der Kranken und Toten zu sagen: Es ist bisher nicht so schlimm gekommen? Am Montag erklärte RKI-Präsident Jörg Hacker in Berlin: "Die Welle, die wir für den Herbst erwartet haben, hat begonnen." Zur Impfung äußerte er sich unerwartet defensiv - "jeder muss selbst wissen, wie er sich zu der Impfung verhält".

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, riet zur Impfung, denn "unsere Chance, eine Viruserkrankung auszurotten, liegt darin, das Virus nicht zur Ausbreitung kommen zu lassen. Deshalb ist es sozialmedizinisch richtig, möglichst viele Menschen zu impfen."

Ärzte wissen es auch nicht besser als Funktionäre und Politiker: Der Präsident der Internisten, Wolfgang Wesiack, kritisierte seine Kollegen als schlechte Vorbilder: "Wenn sich die Ärzte nicht impfen lassen, kann man nicht erwarten, dass die Bevölkerung sich mehrheitlich impfen lässt." Ob Wesiack damit Michael Kochen meinte? Der Präsident der Allgemeinmediziner bietet in seiner Praxis keine Impfung an und wird sich auch nicht mit Pandemrix, dem Impfstoff für die Bevölkerung, impfen lassen.

Bayerns Hausärztechef Wolfgang Hoppenthaller hatte noch am 23. Oktober erklärt, dass er die Impfung nicht empfehle. Seit dieser Woche rät er nun doch zur Impfung, was ausnahmsweise wohl nichts mit den Hausarztverträgen zu tun hat, die er mit der AOK geschlossen hat.

Laien wissen nicht, welchen Experten sie trauen können. Und die Experten wissen häufig nicht, was sie meinen sollen. Die Bevölkerung reagiert wie der Wechselwähler, der erst am Tag der Wahl entscheidet, wo er sein Kreuz macht. Nachdem über die Todesfälle und die "zweite Welle" berichtet wurde, stieg der Andrang vor Impfpraxen - einerseits. Andererseits sagte Wolf-Dieter Ludwig am Montag im Radio, dass mit der Bedrohung durch die Schweinegrippe "sehr, sehr hysterisch" umgegangen werde.

Nun ist der erste Fall eines anaphylaktischen Schocks mit Kreislaufstillstand nach der Impfung bei einem 30-Jährigen in Düsseldorf bekannt geworden. Schweden meldet fünf Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung. Vermutlich wird dies die Impfskepsis wieder erhöhen. Bis zur nächsten Welle - egal, ob sie durch Viren oder Experten ausgelöst wird.

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(SZ vom 04.11.2009/beu)