Diese und spätere Untersuchungen markieren ein Umdenken in der Entwicklungspsychologie. Galten Kinder mit einer Veranlagung zu Stressempfindlichkeit, Depression, Angststörungen oder zum Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) als von Geburt an belastet, stellt sich jetzt heraus, dass viele dieser Kinder ein großes Potential haben - wenn sie nur in einem emotional unterstützenden, fördernden Umfeld aufwachsen. Sie kommen nicht mit "Pathologiegenen" zur Welt, sondern ihr Erbgut reagiert verstärkt auf das Gute wie das Schlechte in der Welt.
Bild vergrößern
Viele Kinder seien wie Löwenzahn, sagen Forscher, Sie schlagen überall Wurzeln, halten durch und überleben. (© dpa)
Anzeige
Zerbrechliche Orchideen, die wieder aufblühen
Entwicklungspsychologen benutzen deshalb inzwischen eine Metapher aus der Botanik: "Die meisten Kinder sind wie Löwenzahn", sagt Lesch. "Sie schlagen überall Wurzeln, halten durch und überleben. Einige sind aber wie Orchideen: zerbrechlich und unbeständig, aber im Treibhaus blühen sie wunderbar auf."
Dabei scheinen bereits relativ kurze Interventionen zu helfen. So begann die Kinderpsychologin Marian Bakermans-Kranenburg von der niederländischen Universität Leiden im Jahre 2004 eine Studie mit mehr als 300 ein- bis dreijährigen Kindern, die als schwierig eingestuft waren: Sie schrien oft, schlugen um sich, warfen mit Gegenständen und stellten sich bei den kleinsten Bitten stur.
Unter ihnen identifizierte sie jene Kinder, die Träger einer mit dem ADHS assoziierten Genvariante waren - diese ist für einen veränderten Spiegel des Botenstoffes Dopamin im Gehirn mitverantwortlich. Die Folgen: die Kinder neigen dazu, unaufmerksam und hyperaktiv zu agieren, sind aber auch besonders neugierig, begeisterungsfähig und kreativ.
Acht Monate lang besuchte Bakermans-Kranenburg die Familien dieser Kinder. Sie filmte sie, schnitt Schlüsselszenen zusammen und zeigte sie anschließend den Eltern, um ihnen Ratschläge zu geben, wie mit den Kindern besser umzugehen sei. Nach dieser Intervention stellte sich bereits nach einigen Monaten heraus, das die Kinder mit widerstandsfähigeren Erbanlagen ihr Verhalten um zwölf Prozent verbesserten, während die empfindsameren Kinder mit dem Risikogen um 27 Prozent weniger verhaltensauffällig waren. Wie die exotischen Blumen blühten sie auf, wenn man ihnen nur die richtige Pflege angedeihen ließ.
Ob ein Mensch sich zu einem Sieger oder einen Verlierer entwickelt, ist also nicht unbedingt in den Erbanlagen festgeschrieben. Gerade bei diesen für Außenreize besonders empfänglichen Kindern zeigt sich, wie Erfahrungen genetische Programme ändern und die Persönlichkeit der Kinder ganz unterschiedlich prägen. "Der evolutionäre Hintergrund ist wohl, dass wir Erbanlagen haben, die sich flexibel der Welt anpassen, in der wir aufwachsen", sagt Boyce. "Wenn es viel Stress gibt, hilft es, ängstlich und zurückhaltend zu sein; wenn alles dagegen bestens läuft, kann man sich ungefährdet exponieren."
Unkraut wie Löwenzahn gedeiht dagegen weitgehend überall. So kommt man weniger zu Schaden, profitiert aber auch weniger von positiven Umständen.
Die neuen Studien passen somit zu den Hypothesen jener Forscher, die generell nach den evolutionären Ursprüngen psychischer Störungen fragen. "Biologische Veranlagungen, die uns nur zum Nachteil gereichen, hätten dem selektiven Druck der Evolution dauerhaft nicht standhalten können", vermutet der Würzburger Verhaltensforscher Lesch. "Wir wissen also, dass diese Risikomerkmale, die bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung vorkommen, unter bestimmten Bedingungen auch ihre gute Seite haben können. Und die Forschergemeinde ist dabei, diese Vorzüge zu entdecken." So demonstrierten Studien, dass Menschen mit einer Veranlagung für Depression geistig leistungsfähiger sind - sie können sich häufig besser konzentrieren, ihr Arbeitsgedächtnis arbeitet effizienter und sie entscheiden reflektierter und gewissenhafter.
Gen macht entdeckungsfreudig
Solche Besonderheiten finden sich nicht nur beim Menschen. Lesch entdeckte zusammen mit dem Primatenforscher Stephen Suomi vom National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda, Maryland, dass Rhesus-Affen mit der kurzen Variante des Serotonintransporter-Gens ebenfalls empfindlicher reagieren als Artgenossen - und in stressfreier Umgebung aufgezogen einen höheren Serotoninspiegel haben.
Seltsamerweise taucht die Variante nicht bei anderen Primaten wie Schimpansen oder Gorillas auf. "Dieses Gen hat uns Menschen womöglich ermöglicht, immer neugierig zu neuen Ufern aufzubrechen", spekuliert Lesch. "Und Rhesusaffen sind über den Himalaya nach China gewandert, man findet sie heute in ganz Asien. Diese Tiere sind jedenfalls entdeckungsfreudig. Schimpansen und Gorillas dagegen verlassen ihre angestammten Lebensräume nicht - und stehen deshalb auf der Liste bedrohter Arten."
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Thema
- Entwicklungspsychologie RSS
- Wahrnehmung Kinder sehen anders 03.11.2010
- Gemischte Gefühle: Geborgenheit Und alles ist gut 06.08.2010
- Psychologie Das Geheimnis einer robusten Seele 31.10.2010
- Psychologie Gewalt schlägt auf das Erbgut 31.10.2010
- Psychologie "Babys sind die besseren Wissenschaftler" 12.06.2010
- Motivation von Kindern Loben lernen 23.03.2010
- Geschwister zwischen Liebe und Rivalität Die längste Liebe des Lebens 03.03.2010
(SZ vom 29.12.2010/dmo)
Machtkampf in der Linken
Es gab mal Zeiten, da akzeptierte man, das nicht jeder gleich ist und das die Lebenserfahrung sein Verhalten ´bestimmt. Wo ist diese Akzeptanz hin?
"Die neuen Studien passen somit zu den Hypothesen jener Forscher, die generell nach den evolutionären Ursprüngen psychischer Störungen fragen."
Die Definition von psychischen Störungen ist wohl nicht ganz richtig, denn die, sich selbst als normal bezeichnenden Personen, leiden an mangelnder Akzeptanz, Neid, Gier, Gefühllosigkeit, ... was soll daran normal sein?
Die meisten dieser "psychische Störungen" gibt es doch nur, damit Psychologen ein Betätigungsfeld haben.