Orang-Utans Die Opfer des Palmöl-Booms

Auf der Suche nach Baumfeigen klettert dieser Orang-Utan 30 Meter hoch in die Baumkrone.

(Foto: Tim Laman/National Geographic)

In weniger als zwei Jahrzehnten sind auf der Tropeninsel Borneo mehr als 100 000 Orang-Utans verschwunden. Naturschützer versuchen verzweifelt, die verbleibenden Affen zu retten. Ein Besuch bei den letzten ihrer Art.

Von Arne Perras, Borneo

Der Mond gehört natürlich nicht zum Revier des Försters Bahtiar Adi. Sein Einsatzgebiet ist die Erde, genauer gesagt: die Tropeninsel Borneo. Wer den Indonesier begleitet und den Blick über die trockengelegte Torflandschaft streifen lässt, fühlt sich dennoch auf einen anderen Stern katapultiert. Mond mit Palmen, so sieht es hier aus.

Bahtiar schaukelt mit seinem Allradwagen über die Piste, es herrscht reger Gegenverkehr. Lastwagen donnern die schnurgerade Straße zwischen den Palmreihen entlang und wirbeln Staubwolken in die Luft. Auf den Ladeflächen türmen sich Palmölfrüchte für die Raffinerie, wo jenes Öl erzeugt wird, das in fast jedem zweiten Produkt steckt, das in deutschen Supermärkten zu kaufen ist, von der Margarine bis zum Waschmittel. "Früher war hier Sumpfregenwald", sagt Bahtiar. Erst ein paar Jahre ist das her. Heute erstrecken sich Ölpalmen über das küstennahe Torfgebiet, 60 Kilometer nördlich der Stadt Pontianak. 6000 Hektar hat die Firma Peniti Sungai Purun hier bepflanzt. Das ist noch keine der ganz großen Plantagen. Manche Konzerne kontrollieren mehrere Unternehmen, die zusammen schon mal 100 000 Hektar bepflanzen. Das ist dreimal so groß wie München.

Bahtiar arbeitet für die Naturschutzbehörde des Forstministeriums und hat damit einen der härtesten Jobs, die auf Borneo zu vergeben sind. Er soll die Artenvielfalt schützen. Deswegen hat er jetzt auch diesen Weg genommen, quer durch die Plantage. In der Ferne sind zwei Hügel zu erkennen, wie Inseln ragen sie aus dem Palmenmeer. Dichter Wald bedeckt die Kuppen, dahinter liegen Dörfer, Gärten, eine viel befahrene Straße. Der Förster steigt aus dem Geländewagen und blickt den Hügel hinauf. Dort oben in den Kronen müssen sie irgendwo sein. Bahtiar sucht Orang-Utans, bevor es für sie zu spät ist.

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Es steht nicht gut um die rothaarigen Menschenaffen in Südostasien. Wie stark ihre Bestände geschrumpft sind, hat jüngst ein Forscherteam um die Biologin Maria Voigt vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig untersucht und im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht. Demnach sind mehr als 100 000 Orang-Utans in den vergangenen 16 Jahren verschwunden.

Gejagt, vertrieben, verhungert, verbrannt: Die Affen sind vielen Gefahren ausgesetzt, und nicht jeder Fall lässt sich einzeln dokumentieren. Die Forscher haben stattdessen einen großen Datensatz für die Zeit von 1999 bis 2015 zusammengetragen, Luftbilder und Untersuchungsberichte ausgewertet, um die Zahl von Orang-Utan-Nestern in Baumkronen zu bestimmen. Dann haben sie ihre Ergebnisse mit Karten kombiniert, die den Wandel der Landnutzung zeigen. So konnten sie bestimmen, wo die meisten Affen verschwanden und wie stark die Verluste ausfielen.

Wissenschaftler schätzen, dass noch 70 000 bis 100 000 Orang-Utans in den Wäldern Malaysias und Indonesiens herumklettern. Zwei Arten leben auf Sumatra, eine auf Borneo. Alle drei stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere. Sind sie noch zu retten? Diese Frage beschäftigt natürlich auch den Förster Bahtiar. Ein Arbeiter von der Plantage erzählt ihm von Nestern, die er beim Streifzug durch den Wald entdeckt hat. "Sie beweisen, dass hier noch Orang-Utans leben", sagt Bahtiar. "Aber man sieht ja, dass es eng für sie geworden ist."

Der Wald, der einst die Ebene bedeckte, ist auf wenige Flecken geschrumpft. Palm-ölplantagen sind für Torfböden kaum geeignet und gelten wegen des hohen Kohlendioxid-Ausstoßes als Klimakiller, vielleicht würde die Regierung die Pflanzungen heute nicht mehr genehmigen, aber vor wenigen Jahren hat sie es noch getan. Deshalb wachsen auf der einen Seite jetzt überall Palmen, auf der anderen reihen sich Dörfer aneinander.