Ökologie Angriff der Braunalgen in der Karibik

Sargassum-Braunalgen im April vor der Küste der Karibikinsel Guadalupe.

(Foto: Helene Valenzuela/AFP)

An den Stränden türmen sich immer wieder Unmengen von Algen. Doch niemand kann das Phänomen, das der Region schwer zu schaffen macht, so recht erklären.

Von Katie Langin

Rückblickend war das, was 2011 geschah, nur die erste Welle. Damals wurden riesige Mengen von Sargassum-Braunalgen, die eigentlich auf dem offenen Meer leben, an die Strände der Karibik gespült. Meeresschildkröten verfingen sich darin, und die ganze Umgebung stank nach faulen Eiern. "Das Zeug wieder loszuwerden war eine Riesenherausforderung", sagt Hazel Oxenford, Biologin an der University of the West Indies auf Barbados. Die Braunalgen türmten sich an manchen Stellen meterhoch. "Wir hatten so etwas noch nie zuvor gesehen", sagt Oxenford.

Die Invasion der Braunalgen war ein schwerer Schlag für den Tourismus und die Fischerei. Die Menschen in der Karibik hofften damals, dass es bei diesem einmaligen Ereignis bleibt. Aber ein paar Jahre später "kam Sargassum wieder", sagt Oxenford. "Und es war noch schlimmer als beim ersten Mal." Mittlerweile rechnet man in der Karibik beständig mit der nächsten Invasion. Die Algen werden mit Satelliten beobachtet, so dass große Sargassum-Blüten und Algen, die sich bereits an irgendeinem Strand häufen, schnell entdeckt werden.

Die selbsternannte Meerespolizei

Umweltaktivisten machen in der Ostsee Jagd auf illegale Fischer und suchen Spuren von Grundschleppnetzen in geschützten Zonen. Kritiker sprechen von Selbstjustiz. Von Susanne Götze mehr ...

Erst in der vorletzten Woche wieder hat die Regierung von Barbados einen nationalen Notstand ausgerufen. "Es ist eine Katastrophe", sagt James Franks, Meeresbiologe an der University of Southern Mississippi in Ocean Springs. Franks ist einer von vielen Wissenschaftlern, die eine Erklärung dafür suchen, warum Teile des Ozeans, in denen es früher keine Braunalgen gab, plötzlich voll davon sind. "Im Moment werden wieder riesige Algenmengen an der Küste von Puerto Rico angespült", sagt er. "Und das ist das Letzte, was sie dort brauchen können."

Vor dem Jahr 2011 gab es die Sargassum-Braunalgen fast ausschließlich in der Sargassosee. Diese gehört zum Nordatlantischen Ozean und ist vor allem als Laichgrund für Aale bekannt. Als sich die Braunalgen plötzlich auf den karibischen Stränden türmten, vermuteten Forscher deshalb zunächst, dass sie von der Sargassosee in Richtung Süden gedriftet sind. Aber die Satellitenbilder erzählten dann eine ganz andere Geschichte.

Jim Gower, Fernerkundungsexperte aus dem kanadischen Sidney, suchte nach Stellen auf der Ozeanoberfläche, die ungewöhnlich viel Nah-Infrarot-Licht reflektierten, das Organismen, die Photosynthese betreiben, nicht nutzen. Daten aus dem Mai 2011 zeigten dann eine riesige Fläche solcher Lebewesen, aller Wahrscheinlichkeit nach Sargassum, vor der brasilianischen Küste. Also weit weg von den südlich der Sargassosee gelegenen Gebieten. Bis September legten die Algen dann den ganzen weiten Weg von der Karibik bis an die Küste Afrikas zurück, berichtete das Team um Gower im Jahr 2013.

Um zu beweisen, dass die Braunalgen, die 2011 an den Karibikstränden vor sich hin faulten, aus dem Atlantischen Ozean östlich von Brasilien stammten, verfolgte Franks den wahrscheinlichen Weg der Algen zurück. Als erstes erfasste er alle Orte, an denen die Braunalgen angeschwemmt worden waren. Dann berechnete er unter Berücksichtigung der Oberflächenströmungen ihre Herkunft. "In ausnahmslos allen Fällen konnten wir den Weg in diese tropische Region zurückverfolgen", sagt Franks. "Kein Weg führte in nördlicher Richtung in die Sargassosee zurück."

Dieses Jahr wird es besonders schlimm. Das zeigen die Bilder von Satelliten schon jetzt

Seit 2011 hat es östlich von Brasilien fast jedes Jahr eine Sargassum-Blüte gegeben. Die neue Ursprungsregion wird von Strömungen begrenzt, die im Uhrzeigersinn von Südamerika nach Afrika und wieder zurück fließen. Zwischen Januar und Mai bricht dieser Kreislauf zusammen, und die Braunalgen werden in Richtung brasilianische Küste und weiter in die Karibik gespült. "Und den ganzen Weg über blühen und wachsen sie", sagt Franks.

Satellitenaufnahmen aus der Zeit vor 2011 zeigen, dass die Region damals noch frei von Sargassum war, sagt Chuanmin Hu, Ozeanograf an der University of South Florida in St. Petersburg und Autor einer 2016 erschienenen Studie, in der Satellitendaten im Zeitraum von 2000 bis 2015 ausgewertet wurden. Das macht das plötzliche Wuchern der Braunalgen noch mysteriöser. "Niemand kann es erklären", sagt Hu.

Eine mögliche Ursache wäre, dass über den Amazonas Nährstoffe ins Meer gelangt sind, die das Wachstum von Sargassum angeregt haben. Der Amazonas mündet nämlich in der Nähe der Stelle ins Meer, an der die Braunalgen-Wucherungen erstmals entdeckt worden sind. Genauso plausibel wäre aber, dass eine Veränderung der Meeresströmungen oder eine Düngung des Ozeans durch eisenhaltige Partikel aus der Luft das Wachstum verursacht haben. "Das sind alles nur Spekulationen", sagt Hu.

Vielleicht liegt der Schlüssel zur Lösung aber auch bei den Algen selbst. Das Sargassum, das in der Nähe Brasiliens wächst, hat breitere Halme als die Algen in der Sargassosee, sagt Amy Siuda, Ozeanografin am Eckerd College in St. Petersburg. Die Wissenschaftlerin hat Hunderte Proben untersucht. Siuda versucht jetzt herauszufinden, ob die breithalmige Variante eine eigene Spezies ist.

Derweil versuchen die Menschen in der Karibik mit der alljährlichen BraunalgenSchwemme zurechtzukommen. Dieses Jahr wird es wohl besonders schlimm werden. Die Satellitenbilder zeigen, dass sich das Gras schon jetzt stärker vermehrt hat als in den vorangegangenen Jahren.

Dieser Beitrag ist im Original im Wissenschaftsmagazin Science erschienen, herausgegeben von der AAAS. Deutsche Bearbeitung: tiba.

Super-Gemüse aus dem Meer

Sie schmecken so verschieden wie Spinat, Kohlrabi und Möhren: Die Algen vor der irischen Küste gelten seit Jahrhunderten als nahrhafte Delikatesse, nun boomt der Seetang als "Superfood". Doch nicht alle finden das gut. Von Catrin Lorch mehr...