Neue Organismen im Meer Leben auf Kunststoff

Noch ist unklar, wie sich die neuen Mikroorganismen auf die maritime Gleichgewicht auswirken.

(Foto: AFP)

"Plastisphäre" - so nennen Meeresbiologen den neuartigen Lebensraum, der sich auf Plastikmüll in den Ozeanen ansammelt. Noch ist unklar, wie sich die gewaltige Zahl von Bakterien und Mikroben auf die Meere auswirkt. Sie könnten Krankheiten übertragen, doch es gibt auch die Hoffnung auf einen Nutzen.

Von Patrick Illinger

Positiv gesehen könnte man sagen: Die Natur passt sich eben an und kann auch auf Müll gedeihen. Negativ gesehen muss man fürchten, dass völlig neue Populationen von Mikroben heranreifen, mit unabsehbaren Folgen für die Ozeane. Es geht um das Leben in der "Plastisphäre". So nennen Meeresbiologen den neuartigen Lebensraum, der sich auf Plastikmüll in den Ozeanen ansammelt. Und dabei geht es nicht um eine mikrobiologische Petitesse, sondern um eine gewaltige Zahl von Bakterien und anderen Mikroben, die sich auf Plastikteilen ansiedeln.

Wissenschaftler des amerikanischen Meeresforschungsinstituts in Woods Hole haben mit feinmaschigen Netzen an mehreren Stellen des Atlantiks Plastikteile, viele nur millimetergroß, aus dem Meerwasser gefischt und analysiert. Dabei offenbarte sich ein einzigartiges Gemisch von Meeresorganismen, die den neuartigen Lebensraum Plastik bevölkern, wie die Forscher in der Zeitschrift Environmental Science & Technology schreiben. Mit Elektronenmikroskopen und Genanalysen fanden die Meeresbiologen mehr als tausend verschiedene Lebensformen auf den Plastikstücken, viele davon noch unbekannt. Unter den Organismen waren autotrophe Kleinstlebewesen, die ihre eigene Nahrung herstellen, ebenso wie andere, die sich gegenseitig fressen. "All das auf Plastikstückchen, die kleiner sind als ein Stecknadelkopf", schreiben die Forscher.

Wie künstliche Mikroriffe

Unklar ist derzeit noch, wie diese Organismen auf den übrigen marinen Lebensraum wirken, ob sie zu Boden sinken, oder von anderen Lebewesen gefressen und verdaut werden. Sicher ist nur, dass sich die Lebewesen auf dem Plastik von Organismen im umgebenden Meerwasser unterscheiden und auch von Lebensformen, die üblicherweise auf Blättern, Federn oder Treibholz siedeln. "Das Plastik wirkt wie künstliche Mikroriffe", sagt Tracy Mincer vom Woods Hole Institut, "auch weil es viel haltbarer ist als biologische Abfälle".

Die mikroskopische Analyse der von Mikroben bevölkerten Plastikstücke nährt indes auch die Hoffnung, dass die Organismen das Plastik zumindest teilweise abbauen, indem sie die Kohlenwasserstoffe des Kunststoffs verdauen. Darauf weisen Risse und Auskerbungen auf einigen Plastikteilen hin. Andererseits beherbergen die Plastikstücke auch unerwünschte Gäste. Auf einigen Teilen fanden die Forscher Bakterienarten, die unter anderem Cholera und andere Magen-Darm-Krankheiten übertragen.