Naturschutz Amazonas-Regenwald so bedroht wie nie

In einer neuen Studie stellen Experten aus den USA und Brasilien die Situation des Regenwaldes in Südamerika betont sachlich dar. Doch am Ende warnen auch sie: Durch Entwaldung, Feuer und Verschmutzung könnte sich der Regenwald von einem Speicher für Kohlendioxid zu einer Quelle des Treibhausgases verwandeln.

Von Christopher Schrader

Das Problem sind die Straßen. Sobald auch nur eine Piste in ein unberührtes Stück Amazonas-Regenwald geschlagen wird, ist es dem Untergang geweiht. Eine asphaltierte Straße beschleunigt den Niedergang. Auf ihr rollen Lastwagen, diese bringen Arbeiter mit Sägen und Landmaschinen und Saatgut in den Wald und tragen ihre Produkte fort.

Erst die geschlagenen Bäume, dann die auf dem neu angelegten Grasland aufgezogenen Rinder oder Sojabohnen als Futter für Vieh auf anderen Weiden oder Zuckerrohr, aus dem die Brasilianer Treibstoff für die Lastwagen herstellen.

"Nur ein paar Jahre nach der ersten Störung der Natur", resümiert jetzt ein Forscherteam, sei ein Gebiet an einer Straße mit großer Wahrscheinlichkeit entwaldet - "und wo es keinen Kahlschlag gibt, besteht ein großes Risiko, dass das Land brennt".

Feuer und Entwaldung sind zwei der Faktoren, die dem großen Regenwald Lateinamerikas zusetzen. Hinzu kommen Veränderungen im Wasserhaushalt, der Vegetation, der Luft- und Bodenqualität, die teils natürliche, teils menschliche Ursachen haben und auf komplexe Weise zusammenhängen. 17 Zustandsgrößen, zwischen denen 30 Pfeile mögliche Einflussfaktoren kennzeichnen, machen die Wissenschaftler um Eric Davidson vom Woods Hole Forschungszentrum in Massachusetts aus.

Die Experten von einem guten Dutzend brasilianischer und US-amerikanischer Hochschulen sind erkennbar bemüht, Zustand und Zukunft des Gebiets weder zu dramatisieren noch zu verharmlosen. Am Ende ringen sie sich zu einer Warnung durch: Die Stabilität des Ökosystems sei durch vielfältige Angriffe gefährdet, der Regenwald könnte sich von einer Senke für Treibhausgase wie Kohlendioxid zu einer Quelle verwandeln, schreiben sie im Fachblatt Nature (Bd. 481, S. 321, 2012).

Ein Fünftel des ursprünglichen Waldes sei seit 1960 bereits verschwunden, erklären die Forscher. Damit wäre der Weg zu einer viel diskutierten Demarkationslinie zur Hälfte beschritten: Sind mehr als 40 Prozent entwaldet, werde sich der Amazonas unwiderruflich von einem Regenwald in eine Savanne verwandeln, besagt die These vom sogenannten Tipping-Point. Diese Entwicklung sei dann nicht mehr aufzuhalten. Das Forscherteam um Davidson widerspricht, so einfach sei das nicht. Aber es zeigt die Mechanismen auf, die zu einem sich selbst beschleunigenden Prozess des Untergangs beitragen könnten.

Da ist zum Beispiel der Wasserhaushalt. Der Regen über dem Amazonas-Becken stammt zu zwei Dritteln vom Atlantik, zu einem von im Urwald verdunstetem Wasser. Wird nun immer mehr Land abgeholzt, weicht die hohe Vegetation niedrigen Gräsern, Getreidehalmen und Büschen, aus denen schlicht viel weniger Wasser verdunstet.

Außerdem reflektiert das hellere Pflanzenmaterial im Vergleich zu den dunklen Blättern der Urwaldriesen mehr Sonnenlicht. Es entsteht also auch weniger Wärmestrahlung und damit weniger warme Luft. Wenn sie nicht aufsteigt, bilde sich nicht mehr das vorherrschende Tiefdruckgebiet, so die Forscher, das die Regenwolken vom Atlantik über das Land zieht.

Auch Feuer hat langfristige Folgen für das Land. Im intakten Regenwald, in dem die Feuchtigkeit aus dem Boden dampft und vom Dach der Baumkronen festgehalten wird, hat es kaum eine Chance. Doch wo es einmal gebrannt hat, entsteht danach andere Vegetation. Sie ist lichter, der Boden trocknet schneller, die Bäume brennen besser. Und der aufsteigende Rauch trägt Feinstaub in die Luft, der Myriaden winziger Wassertröpfchen erzeugt, von denen kaum eines die Größe für richtigen Regen hat.

Über das ganze Becken betrachtet, fassen die Forscher zusammen, seien die Effekte der Landnutzung, der Entwaldung, des Feuers sowie der Änderungen im Wasserhaushalt noch nicht größer als die natürliche Schwankungsbreite, auf die sich der Urwald und seine Bewohner seit Jahrtausenden eingestellt haben.

Aber im Osten und Süden des Beckens seien Veränderungen schon erkennbar. Dort zeigen Messungen per Flugzeug, dass das Land mehr CO2 abgibt als aufnimmt. Hier ist es ohnehin trockener, und die Bevölkerungszentren an der Küste und im Süden sind näher.

Immerhin ist das Tempo der Entwaldung gedrosselt worden, erkennen die Forscher an. Im Jahr 2004 fielen noch 28.000 Quadratkilometer den Sägen zum Opfer, 2011 waren es nur 7000 Quadratkilometer.

"Brasilien könnte eines der wenigen Ländern werden, das den Sprung zur großen Wirtschaftsmacht schafft, ohne die meisten seiner Wälder zu zerstören", schreiben sie darum am Schluss fast schon optimistisch. Doch zurzeit debattiert das Parlament des Landes über ein Gesetz, das die Entwaldung nach Meinung vieler Kritiker beschleunigen könnte.