Landwirtschaft Das Antibiotika-Hähnchen

Der Einsatz von Antibiotika in der Geflügel-Massentierhaltung nimmt nicht ab, sondern steigt. Dadurch wächst auch das Risiko, dass Mittel gegen Krankheitserreger wie Salmonellen bei Menschen nicht mehr wirken.

In der konventionellen Hähnchenhaltung setzen Mäster offenbar immer mehr Antibiotika ein - obwohl dadurch das Risikos wächst, dass die Medikamente in Zukunft gegen bestimmte Krankheitserreger nicht mehr helfen. Denn je mehr Antibiotika verwendet werden, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Bakterien eine Resistenz gegen die Mittel entwickeln.

Bereits seit Jahren tauchen in Geflügel regelmäßig Erreger wie Salmonellen und Campylobacter-Bakterien auf, mit denen sich Menschen infizieren können, und gegen die viele Antibiotika inzwischen nicht mehr helfen.

Nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftministeriums wurden vor zehn Jahren im Schnitt 1,7 Behandlungen pro Mastdurchgang angewendet, heute sind es etwa 2,3 Behandlungen. Wie die Leiterin der Abteilung Verbraucherschutz und Tiergesundheit, Heidemarie Helmsmüller, NDR Info erklärte, sei in der Massentierhaltung der Einsatz von Antibiotika die Regel. Ohne Einsatz der Mittel schafften es die Hühner in großen Ställen häufig nicht, bis zum Ende ihrer Mastzeit zu überleben. Die Tiere bekommen, wie auch in der Humanmedizin, bei einer Behandlung über mehrere Tage Antibiotika.

Der ehemalige Leiter des Veterinäramtes in Cloppenburg, Hermann Focke, geht davon aus, dass die tatsächlichen Antibiotika-Gaben bundesweit noch wesentlich höher sind. Er bezieht sich auf Informationen aus dem Ministerium, die in einer tierärztlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Danach kommt es sogar relativ häufig zu drei bis sechs Antibiotika-Behandlungen.

"Deswegen können wir davon ausgehen, dass Masthähnchen nicht selten rund zwei Drittel ihrer Lebenszeit Antibiotika bekommen - sie leben ja nur 32 Tage", sagte Focke. Genaue Zahlen, wie viele Medikamente insgesamt in Deutschland eingesetzt werden, gibt es nicht.

Der Verzehr von Hähnchenfleisch ist in den vergangenen Jahren immer mehr gestiegen. Das meiste Fleisch kommt aus Niedersachsen - hier stehen mehr als die Hälfte der deutschen Hühnermastbetriebe. Je enger es in den Ställen wird, desto höher sei das Risiko für Krankheiten, heißt es in dem Bericht des NDR. Obwohl seit 2006 Mäster Antibiotika nicht mehr als Wachstumsförderer verfüttern dürfen und der Tierarzt Medikamente nur noch verabreicht, wenn Tiere krank sind, ist der Verbrauch an Antibiotika gestiegen. Auch wenn nur wenige Hühner krank sind, bekommen alle Tiere die Mittel, meistens leben mehrere Zehntausend in einem Stall.

Bereits im Februar 2009 hatte der Radiosender berichtet, dass in der Putenmast Antibiotika weiterhin in großem Mengen eingesetzt werden. "Überall dort, wo Antibiotika im Futter verboten worden sind, hat man festgestellt, dass die Menge der Antibiotika, die bei Tieren eingesetzt werden, nicht gesunken ist", hatte Tillmann Uhlenlaut, Experte vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), damals kritisiert.

Ab 2012 soll nach einer Bundesverordnung eine Datei erfassen, in welche Postleitzahlenregion wie viele Medikamente geliefert werden. Eine Ausnahme wird es in der Geflügelbranche geben. Hier wird nicht aufgeschlüsselt, wohin die Medikamente geliefert werden. Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind datenschutzrechtliche Bedenken der Grund dafür.

Mehrere Tierärzte bezweifelten gegenüber NDR Info diese Begründung. "Dass es ausgerechnet in der Geflügelbranche keine aufgeschlüsselten Daten geben soll, ist ein Skandal", sagte der Veterinär Rupert Ebner, "hier dürfte die Geflügelwirtschaft viel Druck auf die Politik ausgeübt haben."

Die Grünen im Niedersächsischen Landtag fordern nun Informationen von der Landesregierung über den gestiegenen Einsatz von Antibiotika, der die Gesundheit der Verbraucher gefährde. Die Kontrollen müssten verschärft werden. Mit einer kleinen Anfrage im Landtag will die Partei Aufklärung von der Landesregierung verlangen.