Bislang blieb das südlichste Korallenriff der Welt von den verheerenden Schäden der Meereserwärmung verschont. Nun ist auch sein Zustand erschreckend.
Das südlichste Korallenriff der Welt ist erstmals ausgebleicht. Das Riff um die Lord-Howe-Insel vor der Küste des australischen Bundesstaats New South Wales ist bekannt für seine einzigartige Zusammensetzung von Korallen. "Seit 16 Wochen liegen die Wassertemperaturen in der Region etwa zwei Grad über den Normalwerten", sagt Reinhold Leinfelder, Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin. Das zeigen Daten der Wetter- und Ozeanographiebehörde der Vereinigten Staaten, NOAA.
Wird das Wasser zu warm, verwandeln sich die prächtigen Korallen in farblose Geschöpfe. (© Foto: AFP)
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Der Anstieg der Wassertemperatur bewirkt, dass sich die Algen, mit denen die Korallenpolypen in einer sogenannten Symbiose zusammenleben, stark vermehren und Giftstoffe produzieren. "Als Reaktion schmeißen die Polypen ihre Untermieter quasi raus", sagt Leinfelder. Mit den in verschiedenen Rot-, Braun-, und Grüntönen gefärbten Algen verlieren die Korallen auch ihre Farbe.
Manche Korallen können diesen Vorgang rückgängig machen, wenn es nicht zu lange dauert, bis sich das Meerwasser wieder abkühlt. Ob auch das Lord-Howe-Riff, das zum Weltnaturerbe der Unesco gehört, eine solche Regenerationsfähigkeit hat, ist nicht bekannt. Peter Harrison von der Southern Cross University in New South Wales, der das Riff seit 1993 beobachtet, und der in der vergangenen Woche mehrmals dort getaucht ist, hat es jedenfalls noch nie in einem derart schlechten Zustand gesehen wie jetzt. "Ich bin geschockt", sagte er.
Das El-Niño-Jahr 1998, in dem weltweit viele Korallenriffe ausgebleicht sind, hatte das Lord-Howe-Riff ziemlich gut überstanden. Doch jetzt sind nach Aussage von Peter Harrison die Wassertemperaturen höher als damals.
"Dass sich das Meer soweit südlich derart stark aufheizt", ist äußerst ungewöhnlich, sagt Leinfelder. Er vermutet, dass zwei Effekte zusammenkommen. Zum einen sind die Wassertemperaturen aufgrund des Klimawandels ohnehin leicht erhöht. "Dazu sind wir gerade in einer El-Niño-Phase", sagt Leinfelder. Das Phänomen ließ sich bereits im April 2009 beobachten, im Juli 2009 und im Januar 2010 gab es zwei Höhepunkte. Derzeit ist es zwar relativ ruhig; doch ist unklar, ob es sich nur um eine Pause handelt oder ob das Schlimmste überstanden ist.
Der El-Niño-Effekt bewirkt, dass die Passatwinde weniger stark blasen als üblich. In der Region der Lord-Howe-Insel ist es deshalb ungewöhnlich windstill. Das Wasser in der Lagune, in der sich das Riff befindet, wird deshalb nicht wie sonst durch Wellen umgeschichtet und heizt sich extrem auf. Ob das Riff dauerhaft geschädigt ist, kann derzeit noch niemand abschätzen. Klar ist nur: Je schneller das Wasser wieder abkühlt, umso bessere Chancen haben die Korallen. Um sich von einer schweren Bleiche zu erholen, brauchen Korallenriffe allerdings Jahrzehnte.
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(SZ vom 25.03.2010/beu)
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Bereits heute gelten etwa ein Viertel aller Korallenriffe als zerstört, 50 bis 70 Prozent sind in einem kritischen Zustand.
Dafür gibt es gleich mehrere Ursachen: Zum einen werden Korallenriffe aktiv von Menschen geplündert. Krebstiere werden weggesammelt, Fische im Übermaß gefangen und Korallen abgeschlagen, mitunter sogar weggesprengt.
Fatale Konsequenzen für Korallenriffe hat auch die globale Erwärmung. Falls die Temperatur der Meere, wie vorhergesagt, um durchschnittlich zwei bis drei Grad Celsius ansteigen wird, werden viele Korallen weltweit absterben. Die Riffbauten würden zerfallen. Das wäre auch das sichere Ende vieler Arten, die nur von und auf Korallenriffen leben können.
Die Zerstörung von Korallenriffen hat aber auch Auswirkungen auf die Ernährungslage der Menschheit. Denn sie liefern in tropischen Ländern bis zu zwölf Prozent der Fische und Krustentiere. In vielen Entwicklungsländern decken sie sogar ein Viertel aller Meeresfrüchte. Und die Menschen vieler Pazifikinseln sind völlig abhängig von der reich gedeckten Speisekarte entlang der Korallenriffe.