ISS Elektropop und Höllenfeuer

26 Millionen PS haben Alexander Gerst ins All befördert. Auf ihn warten 300 Experimente - und ein Roboter, der ihm über die Schulter schaut.

Von Christian Gschwendtner und Patrick Illinger

Nach 525 Sekunden war das Ziel erreicht, und die Maskottchen begannen zu schweben. Eben noch hingen die kleinen Stofftiere an Schnüren über den drei Astronauten in der engen Sojus-Kapsel. Als die letzte Brennstufe der Rakete ausgebrannt war, machte sich die Schwerelosigkeit des Weltraums breit. Weil die Astronauten noch in ihren Sitzen angeschnallt waren, trudelten lediglich die Glücksbringer durch die Kapsel.

Knapp neun Minuten zuvor, um 13:12 Uhr deutscher Zeit, war die modernste Version der bewährten, russischen Sojus-Trägerrakete, das 26 Millionen PS starke Modell FG, am Mittwoch vom Weltraumbahnhof im kasachischen Baikonur gestartet. Das Kommando an Bord hatte der Russe Sergej Prokopjew, mit an Bord waren die Nasa-Astronautin Serena Auñón-Chancellor und der Deutsche Alexander Gerst. Als Verantwortlicher für die europäische Mission "Horizons" wird Gerst nun mehr als 180 Tage auf der Internationalen Raumstation ISS verbringen und als erster Deutscher den Außenposten der Menschheit sogar einige Wochen lang befehligen.

"Heute hier, morgen dort"

Dem Start voraus geht ein mehrstündiges, seit Juri Gagarins Erstflug ins All mit nostalgischen Elementen angereichertes Vorbereitungsritual. Nachdem die Astronauten um fünf Uhr morgens Ortszeit geweckt worden sind, steht es ihnen frei, ein normales Frühstück einzunehmen. Auf ihre Verdauung müssen die Raumfahrer keine große Rücksicht mehr nehmen. Eine Darmentleerung, ähnlich wie vor einer Darmspiegelung, verhindert gastroenterologische Zwischenfälle.

"Astro-Alex" und sein Weg ins All

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Sechs Stunden vor dem Start folgt die letzte Gesundheitsüberprüfung. Körpergewicht, Temperatur und Reflexe werden von einem Arzt beurteilt. Anschließend bleibt den Astronauten Zeit, das Zimmer im Kosmonauten-Hotel von Baikonur aufzuräumen, in dem sie zwei Wochen lang gewohnt haben. Danach verabschieden sich die Raumfahrer von Ehefrauen, Ehemännern und Lebensgefährten. Auch die Ersatzcrew ist zugegen, sowie Vertreter der russischen, europäischen und amerikanischen Raumfahrtagenturen. Jeder gibt einen Trinkspruch zum Besten. Angestoßen wurde mit Champagner. Der aber blieb dann im Glas.

Etwa 45 Minuten dauert die Fahrt über das weitläufige Gelände des "Kosmodroms". Die Straße ist holprig und führt an Steppe, Ruinen, ein paar Kühen oder Kamelen vorbei. Im Gebäude MIK-254 - einem der vielen schmucklos grauen, äußerlich etwas heruntergekommenen Bauten auf dem Kosmodrom, werden nochmals Tee und Sandwiches angeboten. Dann zwängen sich Alexander Gerst und seine Kollegen in die dicken, harten und unbequemen Raumanzüge, die Helfer teils umständlich mit Schnüren und Knöpfen verschließen. Im Fall eines Druckverlusts während der Startphase soll diese Kleidung das Leben retten. Anschließend geht es mit dem Aufzug ganz nach oben an die Spitze der mehr als 40 Meter langen Rakete, wo die Raumkapsel für die drei Astronauten sitzt.

An diesem Mittwoch stieg Alexander Gerst als Erster ein, nahm die Computer in Betrieb und meldete sich bei der Bodenkontrolle. Wunschmusik wurde eingespielt. Gerst hatte sich unter anderem "Die Mensch-Maschine" der Elektropopgruppe Kraftwerk und "Heute hier, morgen dort" von Hannes Wader ausgesucht.

Dann zündeten die Triebwerke, einige Sekunden lang tobte unter der Startrampe ein Höllenfeuer, dann hob die Rakete überraschend behäbig ab. Die 26 Millionen PS entwickeln erst im Flug ihre volle Beschleunigung. Nach 525 Sekunden war die Kapsel 27 000 Stundenkilometer schnell.

Gerst und sein Crew müssen dem Verfall entgegenwirken

Läuft nun weiter alles nach Plan, erreichen Gerst und seine Kollegen die Internationale Raumstation am Freitagnachmittag - zwei Tage und 34 Erdumrundungen nach dem Start. Es ist nicht der schnellste Weg, dafür aber der einfachste. Seit 2013 gibt es eine Alternativroute zur Internationalen Raumstation, auf der die Astronauten nur vier Erdorbits oder sechs Stunden zur Raumstation unterwegs sind. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch viel Treibstoff. Um die schnelle Route nehmen zu können, braucht es allerdings günstige Startbedingungen. Einerseits darf die ISS nicht mehr als acht Minuten vor der Sojus-Kapsel vorausfliegen, andererseits muss der Winkel zwischen den Flugbahnen ziemlich klein sein. Gerst flog am Mittwoch die sicherere Route.

Nach der Ankunft auf der ISS fängt die Arbeit erst richtig an: die Astronauten müssen dann putzen, Reparaturen erledigen und sich selbst versorgen. Vor allem müssen sie körperlich fit bleiben. In der Schwerelosigkeit schrumpft die Knochen- und Muskelmasse schneller als auf der Erde. Gerst und sein Crew müssen dem Verfall entgegenwirken. An speziellen Fitnessgeräten trainieren sie täglich bis zu zweieinhalb Stunden, der Zustand eines jeden Besatzungsmitglieds wird penibel mit Messgeräten überwacht. Die Trainingseinheiten erfüllen aber noch einen anderen Zweck: Sie sollen wertvolle Erkenntnisse für irdische Reha-Programme liefern. Insgesamt sind 300 wissenschaftliche Experimente während Gersts Mission geplant. 65 davon haben sich europäische Forscher ausgedacht. Dabei beteiligt sich die EU lediglich mit 8,3 Prozent an den Ausgaben für den westlichen Teil der ISS-Station.

Selbst Hand anlegen müssen die Astronauten nur in seltenen Fällen, die meisten Experimente laufen automatisch ab. Die Besatzungsmitglieder müssen allenfalls ab und zu Proben auswechseln oder einen Test neu starten. Zum Beispiel, wenn Materialien in einem Spezialversuch auf 2100 Grad erhitzt und dann schlagartig wieder heruntergekühlt werden. Erstmals befindet sich auch ein intelligenter Helfer mit an Bord. Er heißt Cimon, ist nicht größer als ein Medizinball, und mit Propellern, Mikrofonen, Kameras und Sensoren ausgestattet. Cimon soll den Astronauten künftig Routineaufgaben abnehmen. Bis das so weit ist, muss er dem Kommandanten Gerst aber noch eine ganze Zeit lang über die Schulter schauen.

Überirdisches Unterfangen

Die Begeisterung um den deutschen "Astro-Alex" Alexander Gerst ist verständlich. Aber die Wahrheit ist: Die Kosten für bemannte Missionen sind irrwitzig. Astronauten fliegen ins All, weil es begeistert, weil es stolz macht. Das Geld wäre besser anzulegen. Kommentar von Patrick Illinger mehr...