Halluzinationen bei der Körperwahrnehmung Hirngespinste

Sie halten den Partner für einen Doppelgänger und fühlen sich verfolgt von ihrem eigenen Gesicht: Viele Menschen erleben irgendwann Halluzinationen, weil ihre Körperwahrnehmung gestört ist.

Von Nike Heinen

Wohin sie auch die Augen wendet, es ist schon da: ein Gesicht halb durchsichtig. Es schwebt vor ihr in der Luft, drängt sich beim Blick in die Handtasche dazwischen. Es äfft ihre Miene nach, denn es ist ihr eigenes Gesicht, das sie verfolgt.

Die junge Frau, die seit einem Schlaganfall von ihrem eigenem Gesicht verfolgt wurde, ist nur eines von Dutzenden Fallbeispielen für sogenannte Selbstwahrnehmungsstörungen, die der Wahrnehmungsforscher Olaf Blanke an der ETH Lausanne gesammelt hat. Er sagt: "Man muss nicht verrückt sein, um Dubletten des eigenen Körpers zu sehen."

Das Gefühl, der Körper sei aus einem Guss und man befinde sich in ihm, ist nicht selbstverständlich: Jeder Zwanzigste erlebt im Laufe seines Lebens, wie fragil die Beziehung zwischen dem Selbst und seiner Behausung ist.

Man glaubt Doppelgänger zu sehen oder sich außerhalb seines Körpers zu befinden. Was früher Stoff von Schauergeschichten war, wird mittlerweile im Labor untersucht.

Ihr wird unbehaglich unter der Videobrille. Ein leichter Schwindel und dann macht sich das Innere selbständig, es geht einen Schritt nach vorne. Sie muss noch an derselben Stelle sein und ist doch nach vorne gerückt.

Mit einfachen Mitteln erzeugt Jane Aspell, Biologin in Blankes Arbeitsgruppe, bei ihren Probanden Doppelgängerillusionen. Sie tippt ihnen mit einem Stock an den Rücken, während eine Kamera von hinten die Szene mitschneidet. Das verfolgen die Versuchsteilnehmer auf einem Mini-Bildschirm, den sie vor den Augen tragen: Sie sehen sich selbst zu, während sie am Rücken berührt werden. Das ist eine Perspektive, die das Gehirn von sich weisen müsste - und die trotzdem das Gefühl erzeugt, sich weiter vorn zu befinden, als es die Bewegungssensoren in den Beinen berichten. "Die visuellen Reize werden von den Berührungsempfindungen scheinbar bestätigt", erklärt Aspell. "Denn jede vorne gesehene Berührung wird von der entsprechenden Empfindung begleitet. So können sie die mechanischen Signale überstimmen."

Hakt es beim Abgleich zwischen diesen Sinnesinformationen und der Körperposition, behilft sich das Gehirn mit einer weiteren Version der Person.

Das Denkorgan analysiert unablässig, was die Sinne aus der Umwelt und unserem eigenen Körper herauslesen und zieht daraus seine Schlüsse. Am Hinterkopf laufen die Aufzeichnungen der Augen ein, unter dem Scheitel werden Sensorinformationen aus Muskeln, Sehnen und der Haut gesammelt, dazwischen liegen Regionen, die für die Wahrnehmungen unseres Gleichgewichtsorgans zuständig sind.

Durch Untersuchungen an Epileptikern des fokalen Typs, bei denen die Bereiche des Gehirns, die den Anfall auslösen, eng umgrenzt sind, weiß man inzwischen, wo der Platzanweiser sitzt, der aus allen diesen Informationen die Position unseres Körpers bestimmt: Eine Falte an der Schnittstelle von Scheitel- und Schläfenlappen des Großhirns ist unser Sextant. Nimmt ein Anfall hier seinen Anfang, sodass die Positionsinformationen von Haut, Muskeln und Augen nicht mehr zur Deckung gebracht werden, beginnt das Gehirn zu halluzinieren.

Je stärker dabei der Gleichgewichtssinn in Mitleidenschaft gezogen wird, desto mobiler wird das Ich: Bei sogenannten autoskopen Halluzinationen sieht man in seiner Umgebung Doppelgänger.

Bei der Spiegelbildillusion kann man sich nicht entscheiden, ob man lieber in seinem ursprünglichen Körper oder in der Kopie Aufenthalt nehmen möchte. Bei der Out-of-Body-Erfahrung schließlich verlässt das Ich den Körper und betrachtet ihn von außen.

Er schreckt hoch. Etwas stimmt nicht: Ein Mann liegt an seiner rechten Seite. Er möchte ihm ins Gesicht sehen, dreht den Kopf, doch der vertraute Fremde dreht sich gleichzeitig. Und dann sieht er sie alle, die ganze fünfköpfige Familie, Frau, Sohn und zwei Töchter, die auf seinen Begleiter folgen - alle bewegen ihre Glieder synchron zu seinen eignen.

Es war ein Tumor, der bei einem österreichischen Töpfer gleich eine ganze Familie von Begleitern hat auftreten lassen. Diese imitierten jede seiner Bewegungen, außerdem glaubte er, dass er sich eine Seele mit der Familie teile. Zugleich fiel den Ärzten auf, dass der Töpfer die fünf so detailgetreu beschrieb, als hätte er eine Farbfotografie vor sich.

Bei vielen Double-Sichtungen erstaunt die Liebe zum Detail, mit der der Geist seine Hirngespinste gestaltet. Manche Patientinnen beschreiben korrekt jeden Pinselstrich im Make-up. Es ist, als würde sich das Gehirn besonders anstrengen, damit wir seine Illusionen für Realität halten. Dabei ruft es einfach nur detailgetreue Körperbilder aus seinen Erinnerungs-Galerien ab.

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