Forscher streiten sich eher darüber, inwieweit Religiosität im Überlebenskampf der Evolution tatsächlich einen Fitnessvorteil verschaffte, oder ob sie ein Nebenprodukt der Evolution ist. Doch die Uneinigkeiten kommen vor allem daher, dass die Religionswissenschaftler es bis heute nicht geschafft haben, ihren Forschungsgegenstand klar zu umreißen: Geht es bei der Religion um metaphysische Deutung der Welt und Verhalten gegenüber übernatürlichen Agenten, um mystische Erfahrung, gemeinsame Rituale oder um eine göttlich abgenickte Moral? Je nach Definition bieten sich unterschiedliche Antworten an.

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So interpretiert der französische Anthropologe Pascal Boyer die im Gehirn verankerte Vermutung, dass hinter allem Geschehen Akteure stehen als Nebenprodukt der Evolution: Die kognitive Maschinerie sei ähnlich wie ein Rauchmelder hochsensibel eingestellt, so dass sie hinter jedem Rascheln einen möglichen Angreifer vermutet. Das führe zwar zu gelegentlichem Fehlalarm und zur Annahme übernatürlicher Agenten. Doch das war in prähistorischen Zeiten nicht so schlimm: Ein eingebildeter Geist konnte einen frühen Homo sapiens allenfalls erschrecken, ein übersehenes Raubtier ihn real auffressen.

Dennoch muss es auch einen unmittelbaren Überlebensvorteil der Religion geben, andernfalls wäre evolutionsbiologisch nicht zu erklären, wieso Menschen die enormen Kosten religiösen Verhaltens auf sich nehmen: Essen auf dem Altar opfern, sich unökonomischen Produktionsvorschriften, lustfeindlichen Sexualnormen und abstrusen Bekleidungsregeln unterwerfen.

So dachte auch der Anthropologe Richard Sosis von der University of Connecticut, als er mit 15 Jahren zum ersten Mal die Altstadt von Jerusalem besuchte, die Frauen in langärmeligen Blusen und schweren Röcken sah sowie Männer mit dichten Bärten und gefütterten Hüten: "Warum zieht sich ein vernünftiger Mensch an wie für einen klaren Wintertag, wenn er den halben Tag in der Wüstensonne beten will?", fragte er sich verwundert.

Parallele zum Pfauenrad

Erst nachdem sich Sosis im Tierreich umgesehen hatte, fand er eine rationale Erklärung. Die Zumutungen der Religion seien so zu verstehen wie die vermeintlich unnützen Attribute mancher Tiere: Die Pracht des Pfauenrades kostet seinem Besitzer zwar viel Energie und behindert ihn, aber zugleich demonstriert der glänzende Federschmuck einem potentiellen Sexualpartner Gesundheit und Fitness. In ähnlicher Weise sende auch der fromme Mensch teure Signale aus, mit denen er auf innere Werte verweist: Wer viel Energie in kostspielige Rituale investiert, um einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, der wird wahrscheinlich kein Trittbrettfahrer sein, der nur nehmen, aber nichts geben will.

Diese Theorie der teuren Signale erklärt - neben der göttlichen Strafandrohung bei Fehlverhalten - wieso Kooperation in religiösen Gemeinschaften besonders gut funktioniert. Hier liegt der zentrale adaptive Vorteil der Religion.

Studien stützen die Theorie der teuren Signale: Eine Analyse von 83 religiösen Gemeinschaften in den USA des 19. Jahrhunderts zeigte, dass jene am längsten überdauerten, die von ihren Mitgliedern am meisten forderten. Sosis selbst belegte an Kibbuz-Gemeinschaften in Israel, dass allein die religiösen unter ihnen in einer Wirtschaftskrise Ende der achtziger Jahre erfolgreich blieben, und das trotz kontraproduktiver Regeln wie dem Verbot, Obst von jungen Bäumen oder am Sabbat gemolkene Milch zu verwenden. Und auf dem aktuellen Markt der Religionen wachsen derzeit jene Gemeinschaften besonders schnell, die ihren Anhängern viel abverlangen: Adventisten, Mormonen, Zeugen Jehovas.

Dabei sei das nicht nur der Mission zu verdanken. Religionswissenschaftler Michael Blume hat in mehreren statistischen Analysen belegt, dass Religiosität und Fruchtbarkeit überall auf der Welt deutlich korrelieren: Wer in Deutschland täglich betet, hat im Durchschnitt 2,06 Kinder, wer es nie tut nur 1,39. "Ein klarer Reproduktionsvorteil", sagt Blume, der nicht zuletzt deshalb annimmt, dass die Religion trotz aller naturalistischer Erklärung weiter bestehen und sich entwickeln wird. "Über die Jahrhunderte hält sich nur, was die Familien fördert."

Und natürlich könnten sich auch die möglicherweise kommenden Krisen der Gesellschaft und des Klimas auswirken. Nicht dass wir Verhältnisse zu erwarten hätten wie in der afrikanischen Prähistorie. Aber dennoch prognostiziert Blume: "Wenn alles in Frage gestellt ist, dann strömen die Menschen nicht in den philosophischen Salon, sondern gehen wieder in die Kirche."

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(SZ vom 24.12.2009/beu)