Kann man Schläger wie die von Solln für ihre brutale Tat überhaupt verantwortlich machen? Hirnforscher Gerhard Roth zweifelt daran - und fordert ein neues Strafrecht.
Jedes Mal, wenn ein furchtbares Verbrechen geschehen ist, stellt man sich die Frage nach dem Warum. Wieso haben die Schläger von Solln ihr Opfer Dominik Brunner angegriffen und so lange geschlagen und getreten, bis der Mann tot war? Warum haben sie sich nicht besonnen, sich bewusst gemacht, wie böse ihre Tat ist - und aufgehört?
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Kann man die Schläger von Solln für die brutale Tötung von Dominik Brunner verantwortlich machen? (© Foto: ddp)
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Vor Gericht wird immer wieder eine weitere Frage gestellt, die den Opfern, den Angehörigen und überhaupt den meisten Menschen wie eine Provokation erscheinen muss: Konnten die Täter nicht anders? Gerade wenn es um Verbrechen geht, die starke Emotionen auslösen - dazu gehören zum Beispiel auch Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen - fällt es schwer zu akzeptieren, dass diese Frage - die Frage nach der Schuldfähigkeit - vor Gericht diskutiert wird.
Auch den beiden brutalen U-Bahn-Schlägern von München, die 2007 einem Rentner lebensgefährliche Kopfverletzungen zugefügt hatten, wurde diese Frage gestellt - und wie in den allermeisten Fällen mit ja beantwortet. Die jungen Männer wurden zu langen Haftstrafen verurteilt - wegen ihrer "erbarmungslosen, an roher Gesinnung nicht zu übertreffenden Attacke", wie der Richter erklärte.
Doch gerade solche Fälle "roher Gesinnung" belegen, wie problematisch der Umgang mit Straftätern im Wechselspiel zwischen Gesetz, Schuld, Strafe, Verantwortung und wissenschaftlicher Erkenntnis ist.
"Keine tiefgreifenden Störungen"
Deutschlands Strafgesetzbuch (§§ 20, 21) geht davon aus, dass manche Täter "wegen einer krankhaften seelischen Störung" oder einer "schweren anderen seelischen Abartigkeit" unfähig sind, "das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln" - sie sind rechtlich gesehen ohne Schuld oder vermindert schuldfähig.
Das klingt in den Ohren mancher Bürger, als wolle man gerade besonders brutale Verbrechen entschuldigen oder den Täter gar in Schutz nehmen. Doch das ist ein Irrtum. Gilt ein solcher Täter als Gefahr für die Allgemeinheit, so kann er gemäß § 63 zum Maßregelvollzug in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden. Und dort bleibt er bis Gutachter zu der Überzeugung kommen, dass er harmlos ist.
Doch in den meisten Fällen wird von vorneherein keine verminderte Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit festgestellt. So wurden auch die beiden U-Bahn-Schläger für voll schuldfähig erklärt, weil laut psychologischen Gutachten "keine tiefgreifenden psychiatrischen Störungen" vorlagen.
Allerdings beobachteten die Experten Eigenschaften wie eine weitgehend verfestigte dissoziale Persönlichkeit, festgefahrene Neigungen zu delinquenten Handlungen, Entwicklungsstörungen, Alkohol- und Drogenprobleme, Ich-Bezogenheit, Impulsivität, Probleme, Regeln zu akzeptieren, Mangel an Interesse und Verständnis für andere Menschen, schwache soziale Intelligenz sowie ungehemmte, jähzornige Aggression insbesondere in Konfliktsituationen. Selbst die Anklage gab zu, die katastrophalen Umstände ihrer Jugend kämen strafmildernd in Betracht.
Wie dissoziale Persönlichkeitsstörungen entstehen, lesen Sie auf Seite 2.
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Die Frage, ob man die Schläger von Solln für ihre brutale Tat überhaupt verantwortlich machen kann mußte ja "endlich" kommen.
Wie man den Leserbriefen in den letzten Wochen entnehmen konnte verurteilen alle Zuschriften dieses brutale Verbrechen.
Zurecht, denn glaubt man der Argumentation dieses "Forschers" so können wir gleich alle Gefängnisse schließen, müssen schon Verständnis für die "armen Täter" aufbringen.
Dieser sogenannte "Hirnforscher" sollte mal in sich gehen und überlegen, was für gefährlichen Unsinn er verbreitet.
Wenn man derartige Verbrechen verharmlost und duldet, dann öffnet man Mord- und Totschlag Tür und Tor.
Es handelt sich hier um eines der schwersten Verbrechen in München seit Jahrzehnten. Die Tat war menschenverachtend, brutalst und kann mit nichts auf der Welt entschuldigt werden. Im Nachhinein die "böse Gesellschaft" oder die "schlimme Kindheit" dafür verantwortlich zu machen, halte ich eine unglaubliche Dummheit.
... darüber , w i e unser Gehirn gerade die augenblicklichen Gedanken "produziert" hat . Oder ?
Und Sie wollen sogar festgestellt haben , dass bei Tieren die "Freiheitsgrade" (!!!) kleiner sind als bei Menschen !
Wow ! Das nenne ich Durchblick !
Fällt Ihnen auf , dass Sie - wie an dieser Stelle - in Ihren Beiträgen nur behaupten , was zu beweisen wäre , oder - Mindestanforderung für "Wahrheit" - plausibel zu machen wäre ?
Falls Sie gut dualistisch (oder leicht verquast ...) darauf bestehen wollen , dass Geist , Denken ;Seele , Willensfreiheit nichts mit dem Gehirn (= Fleischkloß) zu tun hat , könnten wir den Diskurs beenden ...
@scordalo: Der Laplacesche Universaldeterminismus (den der geniale Mathematiker möglicherweise bloß ironisch formuliert hat) wurde spätestens mit der Quantentheorie widerlegt. Zur Lektüre empfehle ich die Kopenhagener Erklärung von Niels Bohr et alteri.
@Al-Do: Was Sie erörtern, entspricht genau meinem Statement, dass das Konzept des Freien Willens und der Verantwortung sinnvoll sei - unbeschadet einer evtl. ontologisch-materiellen Existenz. Und auch mein Urteil, dass die Entscheidung, was sozial konform sei und was nicht - zwecks "Selektion" - letztlich beliebig und nicht objektivierbar wäre (siehe Umwertung aller Werte in der NS-Zeit), findet in Ihren Ausführungen Bestätigung. Endlich versteht mich mal einer!
Es ist typisch Journalismus, das Thema am Fall Solln aufzuhängen und ihm damit einen Schuss Polemik zu injizieren, der inhaltlich völlig fehl am Platze ist.
Keine Frage: Die Täter gehören hart bestraft! Nichtsdestotrotz ist es interessant, über tatsächliche und virtuelle Verantwortbarkeit von Individuen zu disputieren, ohne sich im Besitz der alleinigen Wahrheit zu wähnen.
Das Libet-Experiment ist aufschlussreich, die Schlussfolgerungen gehen jedoch zu weit. Man kann auch nicht aus der Ausprägung einer seelischen Störung bei eineiigen Zwillingen schließen, die Störung sei genetisch determiniert.
Ansonsten müssen wir uns auch gewahr sein, dass für einen Großteil der Bevölkerung in Deutschland Krieg herrscht. Gewaltexzesse werden sich häufen, insbesondere solche mit jugendlichen Horden. Weil die Jugend sich hierzulande sozial disparater und desparater darstellt als die Generation Ü30. Die Tendenz zur Spaltung, zur Verelendung, zum Abhängen des Prekariats wirkt sich ja viel stärker bei Kindern aus!
@filus: "Im Unterschied zu den Schöpfern der Thora , des Alten und Neuen Testamentes , des Koran kann man heute naturwissenschaftlich weitgehend beschreiben , wie das Gehirn funktioniert ."
Ja, und morgen kommt der Weihnachtsmann... Das Gehirn ist uns enigmatischer als die Wellentheorie des Universums. Das Gleiche gilt für die Genexpression. Aber wer von einer Sache nix weiß, kann ja Wissen einfach behaupten. Wie ein forensischer Psychiater halt.
Paging