Frühkindliche Entwicklung Mutterliebe gegen Stress

Wer als Kleinkind Wärme erfährt, bleibt ein Leben lang robust. Mangelnde Liebe und Fürsorge in jungen Jahren erhöhen dagegen das Risiko seelischer und körperlicher Leiden.

Von Werner Bartens

Die Geister aus der Kinderstube können immer wiederkommen. So nennen Psychologen Ängste und andere seelische Notlagen, die auf mangelnde Liebe und Fürsorge in jungen Jahren zurückzuführen sind.

Wer als Kind wenig Wärme erfahren hat und emotional vernachlässigt wurde, ist ein Leben lang anfällig für psychische Leiden - aber auch für Bluthochdruck, verstopfte Herzkranzgefäße und Zwölffingerdarmgeschwüre. Umgekehrt kann eine frühe, enge Bindung auf Dauer Stabilität verleihen.

Im Fachblatt Journal of Epidemiology and Community Health vom Dienstag zeigen Ärzte und Psychologen, dass Kinder, die im achten Lebensmonat besonders warmherzig von ihrer Mutter behandelt wurden, noch 30 Jahre später davon profitieren und weniger anfällig für Stress sind.

Die Forscher um die Sozialepidemiologin Joanna Maselko bewerteten die Bindung zwischen 482 Müttern und ihren Kleinkindern während eines Entwicklungstests. Drei Jahrzehnte später wurde die emotionale Stabilität der mittlerweile Erwachsenen beurteilt. Wer besonders liebevoll von seiner Mutter betreut wurde, klagte im mittleren Alter über weniger Ängste, war seltener feindselig und aggressiv und konnte besser mit Belastungen umgehen.

"Biologische Erinnerungen setzen sich früh fest und können im Erwachsenenalter verletzlich oder widerstandsfähig gegenüber Problemen machen", sagt Maselko.

Wissenschaftler wie der kanadische Neurobiologe Michael Meaney decken nach und nach auf, was sich im frühkindlichen Gehirn abspielt. Erfahrungen und Umwelteinflüsse beeinflussen in dieser Zeit, welche Gene aktiviert werden, und entscheiden daher mit darüber, welche körperlichen Eigenschaften ausgebildet werden.

Warmherzige Zuwendung führt beispielsweise dazu, dass Kinder mehr Rezeptoren für Stresshormone bilden. Als Erwachsene erleben sie zwar auch belastende Situationen. Die Folgen sind jedoch nicht so gravierend, denn die vielen Andockstellen für Alarmmoleküle machen diese schnell unschädlich. Der Stress ist da, wird aber nicht als anstrengend empfunden. Auch Ratten sind stressresistenter, wenn sie nach der Geburt ausführlich geleckt werden.

Wem hingegen die Mutter zumeist kühl und sachlich gegenübergetreten ist, der verfügt über weniger körpereigene Schutzreserven. Besonders ausgeprägt ist die Verletzlichkeit bei vernachlässigten Kindern wie jenen aus den rumänischen Waisenhäusern des Ceausescu-Regimes, von denen viele jahrelang ans Bett gebunden und emotional vernachlässigt wurden.

Auch nachdem sie ein Jahrzehnt von harmonischen Familien in den USA adoptiert worden waren, blieben sie anfälliger für psychische Leiden wie Ängste und überschießende Stressreaktionen mit Schweißausbrüchen und Panikattacken. Körperlich waren diese Kinder noch Jahrzehnte später verletzlicher und infizierten sich beispielsweise häufiger mit Herpes- oder Grippeviren.

Ärzte und Psychologen haben viel damit zu tun, die Geister aus den Kinderzimmern zu verscheuchen, die manche Patienten ihr Leben lang immer wieder heimsuchen. "Wir bauen späte Nester", sagt Thomas Loew, Psychosomatiker an der Universitätsklinik Regensburg.

Joanna Maselko fordert, dass die Erziehung in Institutionen wie auch in problematischen Familien genauer und vor allem früher beobachtet und kontrolliert wird. "Man muss verhindern, dass sich negative Erfahrungen einprägen und den Rest des Lebens beeinflussen", sagt die Forscherin.