Extremwetter Saison der Monster

Das Auge von Hurrikan Irma ist aus der International Space Station ISS zu erkennen.

(Foto: Nasa/dpa)

Hurrikan "Irma" bricht alle Rekorde; die nächsten Stürme folgen bereits. Dass die Natur so entfesselt ist, liegt auch am Klimawandel.

Von Marlene Weiß

Schon am Montag war US-Meteorologen klar, dass da etwas Bedrohliches auf Amerika zukommt; der Feiertag Labor Day dürfte für viele von ihnen ausgefallen sein. Da war Irma noch ein Hurrikan der mittleren Kategorie 3 weit draußen über dem Atlantik. Inzwischen haben sich die Befürchtungen vom Wochenanfang bestätigt: Irma bricht alle Rekorde. Es ist der stärkste Hurrikan, der je außerhalb der Karibik beobachtet wurde; weltweit hat nie zuvor seit Beginn der Messungen ein Sturm über mehrere Tage Windgeschwindigkeiten von mehr als 300 Kilometern pro Stunde produziert.

Irma, auf die höchste Kategorie 5 hochgestuft, hat bereits Inseln der Kleinen Antillen verwüstet und Puerto Rico gestreift; auf Barbuda wurden 95 Prozent aller Gebäude zerstört. Mindestens elf Menschen sind tot, die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte weit höher liegen. Unzählige wurden obdachlos; allein in Puerto Rico sind eine Million Menschen von der Strom- und 50 000 von der Wasserversorgung abgeschnitten. In der Nacht auf Sonntag wird der Sturm wohl Florida erreichen.

José könnte dieselben Inseln treffen, die Irma bereits heimgesucht hat

Nach der aktuellen Prognose des National Hurricane Center (NHC), das von der US-Klimabehörde Noaa betrieben wird, könnte das Auge des Wirbelsturms genau über die Millionenstadt Miami hinwegziehen. Die Unsicherheiten sind groß. Manche Modelle sehen den Sturm eher auf einem westlichen Weg über den Golf von Mexiko Richtung Mississippi; andere lassen vermuten, dass er schon vor Florida nach Norden schwenkt. Es lässt sich nur schwer vorhersagen, weil der Sturm von den Luftströmungen in mehreren Kilometern Höhe gesteuert wird. Am Wochenende könnte ihn ein Hoch aus Nordamerika auf einen Nord-Kurs einschwenken lassen; sicher ist das nicht. Aber wo immer er auf dicht besiedelte Landflächen trifft, werden die Schäden immens sein.

Und das gilt nicht nur für den Pfad des charakteristischen Hurrikan-Auges - des kleinen, oft wolkenfreien Flecks, um den sich Wolken viele Kilometer hoch auftürmen, während im Kreis die extremsten Winde toben. Derzeit hat Irma etwa die Ausdehnung von Frankreich. Im Umkreis von rund 85 Kilometern um das Zentrum herrschen Hurrikan-Windgeschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern und mehr. Noch Hunderte Kilometer vom Zentrum entfernt ist Irma als Tropensturm spürbar - das kann für eine breite Schneise der Zerstörung reichen.

Nicht nur die starken Winde, sondern auch Sturmfluten sind gefährlich: Wenn Irma das Meer an der Küste aufpeitscht, werden bis zu acht Meter hohe Wellen und Überflutungen befürchtet. Hinzu kommt Starkregen wie schon bei Harvey in Texas. Dort, wo die Wolken hängen bleiben, können innerhalb von 48 Stunden bis zu 500 Liter pro Quadratmeter fallen - ungefähr die durchschnittliche jährliche Regenmenge von Berlin.

Solange der Sturm vor allem über dem Meer bleibt, wo das Wasser derzeit ungewöhnlich warm ist, wird er durch aufsteigenden Wasserdampf weiter angetrieben. Über Land fehlt dieser Nachschub, sodass er Energie verliert, aber Irma bringt einiges an Proviant mit: Erst für Montag oder Dienstag rechnet das NHC damit, dass der Sturm nur noch eine mittlere Stärke hat, mit Winden von weniger als 180 Kilometern pro Stunde. Bis dahin könnte er Florida verlassen haben und Alabama, Georgia oder South Carolina treffen.

"Irma" verwüstet die Karibik

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All das wäre schon übel genug, wenn es in der Region nur um einen Sturm ginge. Tatsächlich sind es jedoch gleich drei: Westlich von Irma zieht Katia über den Golf von Mexiko, im Osten folgt José. Zwar sind die beiden anderen derzeit nur Hurrikans der schwächsten Kategorie, aber wenn es schlimm kommt, könnte José schon am Samstag Inseln treffen, die eben erst von Irma zerstört wurden. Und es zeigt, wie extrem diese Hurrikan-Saison ist. Drei aktive Hurrikans gleichzeitig über dem Atlantik gab es zuletzt 2010, mehr als vier waren es noch nie. Seit Anfang August entstanden schon sieben Atlantik-Hurrikans; so viele wurden in dieser Periode zuletzt 1893 gezählt. Dabei fängt die Haupt-Hurrikanzeit im September gerade erst richtig an, sie dauert den ganzen Herbst.

Auch Europa könnten demnächst Wirbelstürme treffen

Diese Häufung liegt zum einen am langjährigen Zyklus des Klimaphänomens El Niño. In El-Niño-Jahren sind Winde und Wassertemperaturen über dem Atlantik meist ungünstig für Hurrikans, sie bleiben schwächer oder werden schnell zerrupft. Auch darum dürften die Jahre 2014 und 2015 mit einem Rekord-El-Niño eher ruhig gewesen sein. Derzeit jedoch kündigt sich bereits das Gegenstück La Niña an, was die Stürme begünstigt; darum hatten Experten eine heftige Saison erwartet. Ohnehin sind die Schwankungen groß. Die Entstehung von Hurrikans ist komplex, und nicht jeder trifft auf Landflächen, wo er Schaden anrichten kann. So gesehen kommt in diesem Jahr schlicht Pech hinzu.

Dass es nun jedoch dermaßen schlimm wird, liegt wohl tatsächlich auch am Klimawandel. "Die starke Variabilität verschleiert manchmal den Blick dafür, wie einfach ein entscheidender Teil der Physik ist", sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Wir stellen durch die globale Erwärmung und das damit immer wärmere Wasser mehr Energie bereit, darum werden Hurrikans im Mittel stärker." An diesem Prinzip führt kein Weg vorbei, auch wenn sich ein klarer Trend zu stärkeren Hurrikans derzeit noch nicht eindeutig nachweisen lässt.

Selbst für Europa könnte das Konsequenzen haben. Normalerweise folgen die extremen Wirbelstürme über dem Atlantik einer Art hufeisenförmiger Bahn: Sie entstehen über dem tropischen Ozean, wo das Wasser eine Temperatur von mindestens 26 Grad erreicht, ziehen erst nach Westen und schwenken schließlich nach Nordosten ab. Wenn sie Europa erreichen, ist nach dem langen Weg über kaltes Wasser meist nur noch ein Tiefdruckgebiet übrig. Nur selten erreicht ein echter Hurrikan etwa Portugal oder Spanien, zuletzt Vince im Jahr 2005. "Noch wirkt der kalte Nordatlantik als eine Art Schutzschicht für Europa", sagt Levermann. Aber mit dem Klimawandel schwinde dieser Schutz. "Wenn das Wasser weiter wärmer wird, kann es durchaus sein, dass wir auch in Europa so etwas wie eine Hurrikan-Saison bekommen."

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