Dürre-Atlas Europas Extremwetter im Mittelalter

Dürren - wie hier 2002 auf Sizilien - haben Europa in den verganenen Jahrhunderten immer wieder heimgesucht, belegen neue Analysen. Der Klimawandel könnte sie künftig noch verschärfen.

(Foto: REUTERS)

Verheerende Dürren trafen Europa bis in die Neuzeit. Mit einem Extremwetter-Atlas der letzten 2000 Jahre wollen Forscher verstehen, wie das Klima so verrückt spielen konnte.

Von Christoph Behrens

Es regnete im April, es regnete im Mai, es regnete im Juni und im Juli: Wenige Naturkatastrophen im Mittelalter hatten so verheerende Auswirkungen wie die große europäische Hungersnot, die ab 1315 den Kontinent traf. Der Regen ertränkte das Korn, die Feuchtigkeit machte es den Bauern unmöglich, Heu zu trocknen, um ihre Tiere zu versorgen. Die französische Armee, die Flandern erobern wollte, scheiterte, weil die Felder so überschwemmt waren, dass ein Überqueren unmöglich war. In den drei Jahren des Extremwetters starb wohl mehr als jeder zehnte Europäer an Hunger und Schwäche.

Bislang konnten Klimaforscher solche Extremereignisse der europäischen Vergangenheit meist nur anhand von historischen Quellen untersuchen. Doch diese sind häufig nur bruchstückhaft erhalten, langfristige und valide Aussagen über das Klima der Vergangenheit - und die Ursache von Extremen - waren schwierig. Ein neuer klimatischer Atlas könnte das nun ändern.

Der "Dürre-Atlas der Alten Welt" (Old World Draught Atlas) analysiert das europäische Klima der letzten 2000 Jahre anhand von Baumringen. Denn extreme Wetterphänomene hinterlassen deutliche Spuren in den Jahresringen. "Das OWDA-Material bestätigt historische Beschreibungen von schwerer Dürre und Nässe mit einer räumlichen Lückenlosigkeit, die es zuvor nicht gab", schreiben die Forscher um Edward R. Cook von der Columbia State University in New York im Fachjournal Sciences Advances.

"Ursachen von extremen Dürren verstehen"

Demnach bestätigen die Daten auch Berichte über die großen Dürren von 1540, 1616, 1893 und 1921 in verschiedenen Teilen Europas. Noch wichtiger sei jedoch das umfassende Bild, das sich mithilfe des Atlas zeichnen lasse, so die Forscher. Regnete es etwa in einem Jahr nördlich der Alpen viel und südlich davon wenig, so war dies ein Hinweis auf den Einfluss der sogenannten Nordatlantischen Oszillation, eine Verschiebung des Druckverhältnisses über dem Atlantik, die großen Einfluss auf das Wetter in Europa hat.

Man müsse solche langfristigen Klimaveränderungen verstehen, erklärte Cook, "um die Ursachen von extremen Dürren zu verstehen". So vermuten die Wissenschaftler anhand der neuen Daten etwa für die Hungersnot auf den britischen Inseln von 1740 und 1741, dass eher ein verändertes Niederschlags-Muster für die Ernteausfälle verantwortlich war, und nicht wie zuvor vermutet ein zu kalter Winter.

Klimaforscher wie Jörg Luterbacher von der Universität Gießen weisen darauf hin, dass die Daten aus den Baumringen zwar wertvoll, doch zugleich mit großen Unsicherheiten behaftet seien. "Die Rekonstruktionen erlauben nur Rückschlüsse auf Sommerfeuchte- und Trockenbedingungen", erklärte Luterbacher. Im Mittelmeerraum und im Norden Europas reagierten die Bäume zudem anders auf Wetterveränderungen, was den Vergleich zwischen einzelnen Regionen erschwere.

Warum waren Dürren früher verheerender?

Insgesamt scheinen Dürren in der gesamten Nördlichen Hemisphäre vor dem 20. Jahrhundert schlimmer, großflächiger und langanhaltender gewesen zu sein als danach - die Ursachen dafür lägen weitgehend im Dunkeln, schreiben die Forscher der Columbia University. Derzeit sagen Klimaprognosen für den Mittelmeerraum in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Trockenheit voraus, ausgelöst vor allem durch den hohen Ausstoß von Treibhausgasen. Auch aktuelle Extremwetterereignisse schreiben Wissenschaftler zunehmend dem Klimawandel zu.

Mit Material von dpa