Demenz Das Scheitern der Alzheimer-Forschung

Seit Mediziner versuchen, die Alzheimer-Krankheit zu behandeln, erleben sie eine Enttäuschung nach der anderen. Auch die Ratschläge, wie sich die Demenz vermeiden lässt, sind umstritten. Nun fordern Experten ein Umdenken.

Von Katrin Blawat

Brachte dieses neue Medikament endlich die langersehnte Chance, Alzheimer zu heilen? Seine Wirkung verblüffte die Forscher. Jene verklumpten Proteine, die angeblich für all die vergessenen Namen und Gesichter, für die nicht gefundenen Wörter und die ins Leere laufenden Bewegungen verantwortlich waren - all diese Verklumpungen in den Gehirnen der 19 Patienten waren nach eineinhalb Jahren Behandlung um ein Viertel geschrumpft.

Dennoch hatte die im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie einen Haken: Die Patienten selbst merkten wenig von der Verbesserung. Sie waren ebenso verwirrt wie zuvor und fanden sich im Alltag nicht besser zurecht. Ob sich die Lebensqualität bessert, ist eines der wichtigsten Kriterien für die Wirksamkeit einer Arznei - und ausgerechnet hier versagte das neue Medikament.

Die Alzheimer-Krankheit narrt die Forscher seit sie diese zu heilen versuchen. Mit jedem neuen Wirkstofftest beginnt das gleiche Spiel, von dem Experten derzeit auf der Jahrestagung der internationalen Alzheimer-Gesellschaft in Paris berichten. Zunächst erscheint eine Substanz erfolgversprechend; manchmal bessern sich bei den Betroffenen tatsächlich einige Laborwerte.

Und doch steht am Ende stets die Kapitulation der Mediziner: Wir haben keine wirksamen Medikamente gegen Alzheimer. Es gibt keine effektive Therapie und erst recht keine Chance auf Heilung. Die Misserfolge und Rückschläge lassen Forscher zunehmend an der molekularen Alzheimerforschung zweifeln, die seit 25 Jahren als der einzige Schlüssel zum Erfolg gilt.

"Die bemerkenswerteste Eigenschaft der klinischen Medikamentenstudien ist ihr wiederholtes Scheitern darin, irgendeine wirksame Therapie zu finden", spottet Peter Whitehouse von der Case Western Reserve University in Cleveland, Autor des Buches "Mythos Alzheimer". Auch Konrad Beyreuther, der 1986 eines der mit Alzheimer assoziierten Gene entdeckte, sagt: "Es gibt keine einzige klinische Studie, die Erfolg gebracht hat. Dabei dachten wir anfangs, wenn wir den molekularen Schurken finden, haben wir die Krankheit im Griff."

Stattdessen hat die Demenz - und die Angst davor - die Gesellschaft im Griff. 1,3 Millionen Demente leben dem diesjährigen Demenzreport des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge derzeit in Deutschland. Der Bericht schließt zwar auch andere Formen der Demenz ein, die meisten Betroffenen leiden aber unter Alzheimer. Bis 2050 werde sich die Zahl mehr als verdoppeln.

Überraschend ist diese Prognose angesichts der steigenden Lebenserwartung nicht, schließlich gilt hohes Alter als größter Risikofaktor für Alzheimer. Doch je mehr Menschen die Symptome entwickeln - und irgendwann geschieht dies bei jedem, der lange genug lebt -, umso drängender wird die Frage: Ist die Demenz vielleicht weniger eine Krankheit als vielmehr die unvermeidbare Folge eines alternden Gehirns?

"Ein 100-Jähriger, der noch die gleiche Gier aufs Leben hat wie ein 20-Jähriger, könnte doch gar nicht sterben", sagt Beyreuther, der das Heidelberger Netzwerk für Alternsforschung leitet. "Alzheimer lässt uns den Tod akzeptieren."