Das Zeitalter der Kunststoffe Der Plastik-Planet

Synthetische Materialien sind nützlich und bereichern den Alltag, doch sie schaffen auch massive Umweltprobleme. Wie eine chemische Erfindung in wenigen Jahrzehnten die Welt verändert hat.

Von Patrick Illinger

Ein paar Stängel Rosmarin, wie man sie in Mittelmeerländern vom Busch pflücken kann - in deutschen Supermärkten ist das Gewächs verpackt wie ein kostbares Elektronikgerät: in einer handfesten Plastikschachtel, die so viel wiegt wie die 25 Gramm Gewürz darin.

Ein paar Meter weiter gibt es Bananen, deren widerstandskräftige Schale die Natur in Millionen Jahren ausgeklügelt hat - in einer Schaumstoffschale und mit Folie umwickelt. Bei den Fleischwaren liegen 80 Gramm Schinken vom Biobauern, ebenfalls in einer massiven Plastikhülle. Das Fleisch ist einige Tage lang haltbar, die Verpackung mehr als 300 Jahre.

Klimaschutz ist in, Atomenergie ist out, und massiven Widerstand leisten die Deutschen gegen Gentechnik in Nahrungsmitteln. Bioläden eröffnen an jeder Ecke, sogar Biosupermärkte. Das Bewusstsein für gesunde Ernährung scheint zu steigen. Sicher, es gibt auch Discounter mit Regalkilometern voller Tiefkühlpizzen und Brathähnchen für 3,50 Euro das Stück, von denen man nicht wissen möchte, wie sie aufgewachsen sind. Aber Skandale wie jene um Gammelfleisch oder Dioxin-verseuchte Eier vom Beginn dieses Jahres zeigen, dass es durchaus Empörungspotenzial gibt, wenn mit Essen geschlampt wird.

Soziologisch interessant ist, dass mit der aktuellen Biowelle die in den 1980er Jahren teils apodiktisch verfochtene Jute-statt-Plastik-Ideologie wie weggefegt zu sein scheint. Damals verpasste McDonald's in Deutschland als Reaktion auf die Verbraucher seinen Big Macs (anders übrigens als etwa in Frankreich) eine Papierschachtel statt der zuvor eingesetzten Schaumstoffpäckchen. Von einer ähnliche Protesthaltung gegen Wegwerfplastik und Verpackungen kann heute keine Rede mehr sein. Sogar für ökologisch engagierte Verbraucher ist es meist völlig in Ordnung, wenn frische Äpfel in Kunststoff verpackt sind - Hauptsache der Inhalt ist "bio".

Plastik hat seit dem Aufkommen der ersten synthetischen Materialien innerhalb weniger Jahrzehnte den menschlichen Alltag vollständig durchdrungen. Verpackungen sind da nur das sichtbarste Symptom der Plastifizierung des Planeten. Kaum ein Kinderzimmer ist mehr ohne Plastikspielzeug denkbar, Hightech-Kunststoffe stecken in jedem Auto, Architekten freuen sich über neue Formen, die mit Plastik möglich sind. Menschen kleiden sich mit Plastik, Sportartikelhersteller nennen es Funktionswäsche. Zweifellos: Kunststoffe haben das Leben auch bereichert. Windrotoren, Kabel, moderne Brücken, Sportgeräte und medizinisches Werkzeug aller Art gäbe es ohne synthetische Materialien nicht.