Atommüllendlager Gorleben Abhängige Forschung

Gefeilt, beschönigt, Zweifel zerstreut: Zu viele Wissenschaftler haben sich dem Druck der Regierung Kohl gebeugt, die unbedingt ein Atomendlager Gorleben wollte.

Ein Kommentar von Wolfgang Roth

Scheibchenweise kommt die Wahrheit ans Licht, werden die Fakten offenbar, die einem Kreis von Eingeweihten längst bekannt waren: Wann immer es möglich war, hat die Bundesregierung in den achtziger Jahren mit mehr oder weniger sanftem Druck die Hand jener Wissenschaftler geführt, die im Staatsauftrag die Eignung von Gorleben als Endlager-Standort für stark strahlenden Atomabfall beschreiben und bewerten sollten.

Nicht alle haben diesem Druck nachgegeben, aber viel zu wenige haben sich widersetzt. Und wenn sie sich sträubten, sorgte dies höchstens in der Fachwelt für Aufsehen, nicht aber in der Wählerschaft, die im Glauben gelassen wurde, dass die Sphären streng getrennt waren - die Sphäre der unabhängig agierenden Wissenschaft und die der Politik, die sich aus der Forschung heraushält und anschließend die nötigen Konsequenzen zieht.

Bis heute ist nicht restlos klar, ob Gorleben der geeignetste Standort ist oder nicht. Wie sollte das auch klar sein, wenn ein Vergleich mit einem Tiefenlager in Granitgestein oder Tonformationen bisher unterblieb?

Es ist aber schon ganz am Anfang der Suche nicht mit rechten Dingen zugegangen, weil dieser Ort ursprünglich gar nicht in der engeren Wahl war. Man hat ihn herausgepickt, weil eine Reihe sehr praktischer Gründe dafür sprach - unter anderem die Grenzlage und die Größe des Salzstocks, der aus damaliger Sicht auch die viel größere Menge des schwach strahlenden Abfall aufnehmen sollte.

Davon ist längst nicht mehr die Rede, weil für den ungefährlicheren Müll bald der Schacht Konrad zur Verfügung stehen wird. Damit entfällt aber ein weiteres Argument für Gorleben, und es bleibt nun - 32 Jahre nach dem Standort-Beschluss der niedersächsischen Regierung - als wirkmächtigste Begründung, dass hier schon ungefähr 1,5 Milliarden Euro in die Erkundung gesteckt wurden.

Das ist ein starkes Argument und gleichzeitig ein schwaches. Schon früh beweist die politische Einflussnahme auf Fachbehörden wie die Physikalisch-technische Bundesanstalt, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Da wurde gefeilt, beschönigt, in vorsichtigen Formelsätzen versteckt, was Zweifel hätte wecken können.

Und in der Folge wuchs mit jedem Jahr der Erkundung der Zwang, es hier und nirgends anderswo zu packen, egal, wie die Erkundung ausfallen würde. "Wir haben doch schon einen Standort", lautet der Standardsatz vieler Unionspolitiker bis heute. Sie haben ihn, auch die FDP und die Stromkonzerne haben ihn, weil sie nie einen anderen wollten.

Die Genese von Gorleben ist kontaminiert von Anfang an. Schwarz-gelbe Regierungen hofften, dass Gras über die Altlast wachsen würde. Rot-Grün setzte der Macht des Faktischen ein Moratorium entgegen; in Gorleben geht seitdem nichts mehr voran, weil sich Schwarz-Rot in der Atomfrage blockiert.

Die SPD bringt nun unermüdlich ans Licht, was alles schiefgelaufen ist, denn die Sozialdemokraten haben sonst nicht so viele Möglichkeiten, den Wählern eine echte Alternative zur Union zu bieten. Die weitere Nutzung der Kernenergie, die Laufzeiten der Reaktoren, die Zukunft von Gorleben, das alles bietet die Chance, eigenständiges Profil zu zeigen.

Alles nur Wahlkampf?

Alles nur Wahlkampf? Das auch, aber das Offenlegen der Tricksereien um Gorleben ist zudem ein Gebot der politischen Hygiene. Und es ist ein Lehrbeispiel dafür, dass zu viel Einigkeit gefährlich sein kann. Die Befürworter der Kernenergie waren einst eine große Überzeugungsgemeinschaft, die die verantwortlichen Parteien, Fachbehörden und wissenschaftliche Institute umfasste.

Seit mit Rot-Grün auch atomkritische Geister in die Institutionen einzogen, sind Mauscheleien dieser Art seltener geworden. Das muss jeder begrüßen, der sich größtmögliche Sicherheit im Umgang mit einer riskanten Technik wünscht - ob Gegner oder Befürworter der Kernenergie.

"Atomkraft ins Technikmuseum"

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