Artenvielfalt Gibt es ein Insektensterben in Deutschland?

Schmetterlinge gehören zu den auffälligsten Insekten in Deutschland. Wenn es weniger gibt, wird das schnell registriert.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Einiges deutet darauf hin, zur Gewissheit aber fehlen die Daten. Und Experten, die die geschätzt 50 000 Insektenarten identifizieren können.

Von Tina Baier

Mit dem Insektensterben ist es wie einst mit dem Klimawandel. Viele Menschen nehmen eine Veränderung wahr, aber das Phänomen wissenschaftlich nachzuweisen, ist extrem schwierig. Wie beim Wetter sind auch bei den Insekten starke jährliche Schwankungen normal. Dieses Jahr gibt es beispielsweise relativ viele Schmetterlinge. 2016 hatten sich noch besorgte Bürger bei Naturschutzorganisationen gemeldet, weil die Falter so gut wie verschwunden zu sein schienen. Dass extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Stürme aufgrund des Klimawandels zunehmen, gilt mittlerweile als erwiesen. Um gesicherte Aussagen darüber zu machen, wie es den Insekten in Deutschland geht, fehlen hingegen die Daten. Wie beim Klima bräuchte es umfassende Langzeitbeobachtungen über mindestens zehn Jahre. "Dafür, dass das Thema so wichtig ist, wissen wir wenig", sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle.

Die wenigen Langzeitbeobachtungen, die es in Deutschland gibt, sind meist lokal begrenzt und lassen deshalb keine Rückschlüsse auf die Situation im ganzen Bundesgebiet zu. Trotzdem sind sie wichtige Puzzlesteine und viele kommen zu erschreckenden Ergebnissen. Von den südöstlichen Juraausläufern beispielsweise, einem Naturschutzgebiet im Osten von Regensburg, liegen Daten vor, die bis ins Jahr 1840 zurückreichen. Damals gab es dort 117 verschiedene Schmetterlingsarten. Heute sind es nur noch 71. Im Moseltal sammeln Entomologen seit 1972 Informationen über Schmetterlinge auf Magerrasen. Fazit: Bis zum Jahr 2012 sind dort 40 von ursprünglich 70 Falterarten verschwunden. Drei sind dazugekommen.

Wenn jede Alltagsbeobachtung zu Alarmismus führt

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"Vor allem Arten, die auf ganz bestimmte Biotope spezialisiert sind, bekommen Probleme", sagt Settele. Andere, wie beispielsweise der Große Feuerfalter, profitieren von veränderten Umweltbedingungen und breiten sich sogar aus. "Es gibt aber mehr Verlierer als Gewinner", sagt Settele. Grundsätzlich sei eine Homogenisierung zu beobachten, also eine Abnahme der Artenvielfalt.

Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld lassen befürchten, dass es nicht nur weniger verschiedene Spezies gibt, sondern dass die Zahl der Insekten insgesamt abnimmt. Die Entomologen haben Anfang der 1980er-Jahre begonnen, an verschiedenen Standorten in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Rheinland-Pfalz und in Brandenburg Fallen aufzustellen, in denen nicht nur Schmetterlinge sondern auch Fliegen, Käfer, Wespen, Bienen und alle möglichen anderen fliegenden Insekten hängen blieben.

Als sie ihre Fänge von damals mit ihrer Ausbeute zehn bis 25 Jahre später verglichen, stellten sie fest: An manchen Stellen hat die Biomasse der gefangenen Insekten um die Hälfte, an anderen sogar um mehr als 75 Prozent abgenommen. Dieses Ergebnis lasse sich natürlich nicht auf ganz Deutschland übertragen, sagt Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld. Trotzdem ist es ein Alarmsignal. Derzeit sind die Krefelder dabei, den Inhalt ihrer Fallen, den sie in Alkohol konserviert aufbewahrt haben, genauer zu analysieren. Sie wollen unter anderem herausfinden, ob bestimmte Arten besonders stark gelitten haben oder gar ganz verschwunden sind. Die Ergebnisse sollen demnächst veröffentlicht werden.

Doch wie geht es den Insekten deutschlandweit? "Umfassende Messungen, Dokumentationen und Analysen gibt es derzeit nicht", sagt Wolfgang Wägele, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. Ein Teil des Problems sei, dass es viel zu wenige Experten gibt, die die verschiedenen Arten überhaupt kennen und unterscheiden können. Allein in Deutschland gebe es etwa 9000 Mücken- und Fliegenspezies. "Niemand kann die alle unterscheiden", sagt Wägele. Die besten Fachleute sind in der Lage, zwischen 1000 und 2000 Arten auseinanderhalten. Aber wer hat schon Lust, eimerweise Fliegen und Mücken durchzusehen und zu zählen, wie viele von welcher Art vertreten sind? Genau das wäre aber notwendig, um einen Überblick zu bekommen.