Archäologie Die Erfindung der Demokratie

Archäologen streiten sich über die politische Organisation von Teotihuacán: Die zentrale Pyramide deutet auf eine Autokratie, das gitterförmige Straßennetz und die fehlenden Königsbilder auf eine kollektive Gesellschaft.

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Archäologen entdecken in Mittelamerika die Spuren egalitärer Gesellschaften. Ihr Untergang zeigt, wie fragil freiheitliche Systeme sind.

Von Lizzie Wade

Der Kandidat für das politische Amt steht auf dem Platz, nackt, er wehrt sich gegen die Schläge und Tritte. Die Menge schreit, sie pulsiert wie ein schlagendes Herz. Menschen, für die er sein Leben im Krieg riskiert hat, versetzen ihm Hiebe und schleudern ihm Beleidigungen entgegen. Der Kandidat atmet tief ein. Trainiert als ein Krieger, weiß er, dass er ruhig zu bleiben hat, um die nächste Phase seiner Kandidatur zu erreichen.

Die Szene, aufgezeichnet von einem spanischen Priester im Jahre 1500 in der mexikanischen Stadt Tlaxcallan, stand am Beginn eines langen Verfahrens. Nach bestandener Prüfung im Menschenbad musste der Kandidat erst noch zwei Jahre lang im Tempel die Moral und die Gesetze pauken. Er musste hungern. Wenn er einschlief, wurde er mit Stachelpeitschen geschlagen. In bluttriefenden Ritualen musste er sich selber in die Haut schneiden. Doch als er den Tempel verließ, war er mehr als ein Krieger. Er war ein Mitglied des Senats von Tlaxcallan, einer von ungefähr hundert Männern, die alle wichtigen Entscheidungen trafen.

Doch als er den Tempel verließ, war er mehr als ein Krieger

"Ich würde gern mal moderne Politiker sehen, die all das durchmachen, nur um zu belegen, dass sie regieren können", sagt der Archäologe Lane Fargher, der gerade im Schatten einer kürzlich renovierten Plattform in Tlaxcallan steht. Seit 2007 leitet er hier Ausgrabungen, er hat den Grundriss und die materielle Kultur einer Gesellschaft untersucht, wie man sie früher in Mesoamerika nie erwartet hätte: eine Republik. "Vor 20 oder 25 Jahren hätte sich niemand eine derartige Organisationsform vorstellen können", sagt Fargher, der am Forschungsinstitut Cinvestav in Mérida arbeitet.

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Archäologen halten Tlaxcallan für eine von mehreren prämodernen Gesellschaften, die kollektiv organisiert waren. Ihre Artefakte und die Organisation des öffentlichen Raums deuten darauf hin, dass die Herrscher dort ihre Macht teilten und auch normale Bürger in der Politik mitreden konnten. Sie waren nicht notwendigerweise reine Demokratien mit allgemeinem Wahlrecht, aber sie waren wohl radikal anders als die damals üblichen Autokratien.

"Es ist eine ganz neue Forschungslage zu komplexen Gesellschaften entstanden", sagt auch die Archäologin Rita Wright von der New York University, die in Indien und Pakistan die 5000 Jahre alte Indus-Zivilisation erforscht. "Ich glaube, wir erleben gerade einen Durchbruch", bestätigt Michael Smith, Archäologe an der Arizona State University in Tempe. Es sei die wichtigste Einsicht in der Archäologie der politischen Organisation seit 20 Jahren. Smith und andere führen einen Ansatz fort, den Richard Blanton von der Purdue University entwickelt hatte: Es ist der Versuch, aus den Objekten, die eine Kultur zurückgelassen hat, ihre Struktur zu rekonstruieren.

Noch in den 1960er-Jahren glaubte niemand, dass im präkolumbianischen Mesoamerika kollektive Gesellschaften existiert hätten. Republiken wie das klassische Griechenland und das Venedig der Renaissance galten als rein europäische Phänomene. In prämodernen nichtwestlichen Gesellschaften, so glaubte man, regierten immer Despoten.

Die Könige der Olmeken weilten in Palästen, umgeben von Jade und Eisenerz-Spiegeln

Einige mesoamerikanische Gesellschaften passen tatsächlich in dieses Bild. Vor mehr als 2000 Jahren ließen etwa die Könige der Olmeken in San Lorenzo und La Venta ihre Porträts in riesigen Steinköpfen verewigen, sie lebten in Palästen, umgaben sich mit exotischen Luxusgütern wie Jade und Eisenerz-Spiegeln. Auch die Maya-Könige der klassischen Periode ließen ihre Eroberungen, Heiraten und Dynastien von Bildhauern verewigen. Die gewöhnlichen Bürger lebten in bescheidenen Siedlungen, außerhalb der Stadtzentren mit ihren Monumentalbauten.

Aber mit den Jahren fielen Blanton immer mehr Stätten auf, die nicht in dieses Bild passen. Zum Beispiel Monte Albán bei Oaxaca , die Hauptstadt der Zapoteken zwischen 500 v. Chr. bis 800 n. Chr. Hier fehlten prunkvolle Darstellungen individueller Herrscher, die Ausgräber fahndeten vergebens nach Palästen und Königsgräbern. Stattdessen fanden sich eher anonyme Zeichen der Macht, kosmologische Symbole, Götterbilder.

Fasziniert von solchen Sonderfällen, entwickelten Blanton und seine Kollegen eine Theorie, die sie 1996 im Fachmagazin Current Anthropology veröffentlichten. Darin skizzierten sie zwei Gesellschaftsformen: Autokratische Gesellschaften mit einem einzelnen Herrscher an der Spitze. Sie leben vom Reichtum, der auf der Kontrolle der Handelswege oder der Monopolisierung natürlicher Ressourcen beruht. So wie es heute noch in Saudi-Arabien sei, erläutert Blanton, "wo die königliche Familie die Ölindustrie kontrolliert und damit den Staat finanziert. Sie muss sich nicht gegenüber dem Volk verantworten".

Kollektive Gesellschaften hingegen betonen das Amt des Herrschers, das theoretisch jeder in der Gesellschaft besetzen kann. Steuern finanzieren den Staat, nicht externer Reichtum. Tlaxcallan hatte wohl eine solche kollektive Regierungsform, in der es Bürger aller Klassen über das Initiationsritual in den Regierungsrat schaffen konnten. "Kollektiv" in diesem Sinne bedeutet nicht "sozialistisch", ergänzt Blanton. Die meisten der von ihm untersuchten Gesellschaften hatten markwirtschaftliche Ökonomien.

Blantons Sicht "war sehr stimulierend", sagt Wright. "Lange Zeit hatten wir in der Archäologie immer nur nach Anzeichen für einen König gesucht." Nun gab es eine Theorie, die königslose Gesellschaften denkbar machte. Eine Herausforderung blieb: "Wie können wir diese Staaten erkennen?" Welche Spuren hinterlassen kollektive Gesellschaften, zu denen es keine historischen Quellen gibt? Kurz: "Wie würde es tatsächlich am Boden aussehen, das war das große Problem", sagt Blanton.

"Da drüben haben wir das Haus gefunden", sagt Fargher. Er umrandet die Plattform, auf der sich einst einer der größten öffentlichen Plätze Tlaxcallans befand und steuert auf einen Flecken nackter Erde zu, der von Gras umrandet ist. In der Ferne raucht der Popocatépetl, Mexikos berühmtester Vulkan. Fargher zeigt auf blasse Steinspuren in der sandigen Erde, wo vor 600 Jahren Mauern standen. "Hier befanden sich eine Reihe von kleinen Zimmern, die mehrere Male wiederaufgebaut wurden, mit einer Terrasse da drüben." Offensichtlich nichts Besonderes, das typische Haus eines Durchschnittsbürgers.