Anthropologie Späte Ausreise aus Afrika

Die in Oberkassel gefundenen Gebeine sind wertvolle Forschungsgegenstände (Archivfoto aus dem Jahr 2009).

(Foto: dpa)

Wann verließ der moderne Mensch Afrika? Tübinger Forscher haben die DNA menschlicher Fossile untersucht - und einen vergleichsweise späten Zeitpunkt ermittelt.

Wann hat sich der moderne Mensch erstmals aus Afrika in andere Teile der Welt aufgemacht? So oft sich Forscher diese Frage schon gestellt haben, so widersprüchliche Antworten haben sie präsentiert. Zwischen 62.000 und 95.000 Jahre sei es her, dass sich Homo sapiens auf seine Reise gegangen ist, berichtet nun ein internationales Team um den Tübinger Evolutionsgenetiker Johannes Krause (Current Biology, online).

Damit datieren die Wissenschaftler die erste Auswanderungswelle aus Afrika vergleichsweise spät. So hatten kürzlich die Autoren den Auszug aus Afrika sogar auf 200.000 Jahre vor heute datiert. Einer weiteren Forschergruppe zufolge ist das Ereignis keinesfalls weniger als 90.000 Jahre her, vielleicht aber auch 130.000.

Dabei stützen sich alle Forscher im Prinzip auf die gleiche Methode, die sogenannte molekulare Uhr. Kennt man die genetische Mutationsrate einer Population, lassen sich daraus Rückschlüsse ziehen, wann sich zum Beispiel die Population des modernen Menschen in Afrika von der in Asien und Europa getrennt hat. Vereinfacht gesagt, liegt die Trennung umso weiter zurück, je stärker sich die Genome der Gruppen unterscheiden.

Der Knackpunkt bei dieser Methode liegt darin, die Mutationsrate korrekt zu bestimmen. Dazu müssen Forscher viele Annahmen treffen. Weichen diese unter den verschiedenen Wissenschaftlerteams nur geringfügig ab, kann das große Auswirkungen auf die Ergebnisse haben.

Krauses Team untersuchte DNA aus den Mitochondrien zehn menschlicher Fossile aus Ostasien und Europa. Darunter befanden sich auch Proben der bislang ältesten modernen Menschen, die je in Deutschland gefunden wurden. Diese Skelette sind rund 14.000 Jahre alt und stammen aus Oberkassel bei Bonn.

Aus den Erbgut-Proben ermittelten die Forscher die Mutationsrate. Diese beträgt Krauses Team zufolge nur etwa die Hälfte dessen, was manche Forscher zuvor berechnet hatten. Die höhere Rate hatten Wissenschaftler allerdings mit Hilfe der Kern-DNA berechnet, während Krause mitochondriales Erbgut analysierte. Dies könne einen Teil der Unterschiede erklären, argumentieren Krause und seine Kollegen und betonen, dass sich ihre Berechnungen auch mit archäologischen Erkenntnissen deckten. Die Debatte endgültig beenden wird aber wohl auch diese Studie nicht.