Anthropologie Das Rätsel der Inselbewohner

Auf der indonesischen Insel Sulawesi haben Paläoanthropologen 194 000 Jahre alte Steinwerkzeuge gefunden. Wer waren die archaischen Bewohner, und wie gelangten sie über das Meer?

Von Hubert Filser

Die Besiedlung der Erde durch die Gattung Mensch zu verstehen, ist nicht eben trivial. Bislang spielte hier vor allem Afrika eine Schlüsselrolle. Frühe Menschen verließen den Kontinent zum ersten Mal vor etwa zwei Millionen Jahren und eroberten von dort aus die Welt, das gilt als gesichert. Was danach passierte, ist aufgrund mangelnder Fossilien-Funde immer noch unklar.

Jetzt rückt immer mehr der Süden Asiens in den Fokus der Paläoanthropologen. Auf der indonesischen Insel Sulawesi entdeckten australische Forscher nun zahlreiche, bis zu 194 000 Jahre alte Steinwerkzeuge. Es seien die bislang ältesten Spuren einer menschlichen Besiedlung der Insel, schreiben sie im Fachmagazin Nature. Bislang dachte man, dass Menschen erst vor etwa 50 000 Jahren die Insel erreichten.

Südostasien war lange Zeit ein eher blinder Fleck, was Spuren menschlicher Besiedlung betraf. Dies ändert sich seit einigen Jahren. Spätestens im Oktober 2014 musste das Bild korrigiert werden, als sich in einer Höhle nahe Maros ebenfalls auf Sulawesi die ältesten Malereien der Menschheitsgeschichte fanden, mehr als 40 000 Jahre alte Handabdrücke und Tierbilder. Australische und indonesische Forscher um Gerrit van den Bergh und Michael Morwood von der Universität Wollongong sondierten die Region und entdeckten nahe dem Ort Talepu vier neue Fundorte, alle in der Nähe des Flusses Walanae im Südwesten der Insel. In 118 000 bis 194 000 Jahre alten Sediment-Schichten fanden sie nicht nur Knochen längst ausgestorbener Tiere, etwa eines riesigen Stegodons oder von mächtigen Wildschweinen mit seitlichen Hauern, sondern auch Schneidegeräte und Klingen aus Kalkstein: Spuren einer menschlichen Kultur aus dem Pleistozän.

Wer genau die Menschen von Sulawesi waren und wie sie aussahen, ist noch unbekannt. An den vier Fundorten fanden sich bislang keine menschlichen Überreste. Aufgrund des feuchtwarmen Klimas zerfallen menschlichen Knochen dort sehr schnell. Die Insel habe, so schreiben die Forscher in Nature deshalb nur vage, eine alteingesessene, archaische Menschenart beherbergt, deren Ursprung und taxonomischer Status schwer zu fassen sei.

Wurden die ersten Siedler nach einem Tsunami mit Treibgut angespült?

Doch schon die wenigen Funde in Asien lassen Forscher umdenken. Das reine "Out of Africa"-Denken bei der Besiedlung der Welt lässt sich wohl nicht mehr halten. Paläoanthropologen wie der Frankfurter Forscher Friedemann Schrenk zeichnen inzwischen ein sehr viel differenzierteres Bild. Schrenk geht davon aus, dass es nicht nur "Out of Africa"-Expansionen früher Menschen gab, sondern auch "Out of Asia"-Besiedlungen Europas, ja sogar Wanderungen zurück nach Afrika. "Zwar ist und bleibt Afrika die Wiege der Menschheit, aber spätestens seit zwei Millionen Jahren existierte eine Vielzahl von Menschengruppen", sagt Schrenk.

Van den Bergh und seine Kollegen halten es für denkbar, dass Vertreter des Homo sapiens, kurz nachdem sie vor etwa 130 000 Jahren Afrika verlassen hatten, sehr schnell Richtung Südostasien gewandert und dort vor etwa 120 000 Jahren angekommen sind. Dies würde aber nicht die ältesten Steinwerkzeuge von Sulawesi in den tiefsten Fundschichten erklären. Auch der Homo floresiensis von der Nachbarinsel Flores oder sehr späte Vertreter des Frühmenschen Homo erectus, der auf der indonesischen Insel Java bereits vor 1,5 Millionen Jahren auftauchte, oder auch der Denisova-Mensch sind Kandidaten für die Besiedlung von Sulawesi.

Wie genau diese vonstatten ging, ist ebenfalls noch unklar. Flores und Sulawesi liegen auf einem Transitkorridor Richtung Australien. Auch wenn einst die Meeresspiegel 120 Meter tiefer und damit manche Inseln miteinander verbunden waren, gab es keine Landverbindung nach Flores, Sulawesi oder gar Richtung Australien. Die Wege übers Meer waren damals aber deutlich kürzer. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Frühmenschen am ehesten mit Treibgut nach einem Tsunami von einer Meeresströmung auf die Inseln gespült worden sind.