Anstieg der Suizidzahlen Job weg, Ansehen weg, Hoffnung weg

Angst um Arbeitsstelle und Wohnung, wachsende Schuldenberge - die Finanzkrise bedroht die Existenz vieler Menschen. Psychiater schlagen nun Alarm: Die Krise sorge dafür, dass die Rate der Selbsttötungen ansteige.

Von Christian Weber

Lange Zeit war der Kampf gegen den Suizid eine Erfolgsgeschichte: Hatten sich etwa in Deutschland noch Mitte der 1970er-Jahre jährlich nahezu 20 000 Menschen umgebracht, waren es beim Tiefpunkt 2007 deutlich weniger als 10 000. Anti-Depressions-Kampagnen und neue Hilfsangebote hätten eben Erfolg gezeigt, so war die plausible Deutung. Doch warum stiegen seitdem die Suizidzahlen wieder - milde in Deutschland, deutlich in vielen anderen EU-Ländern sowie in Nordamerika? Die globale Wirtschaftskrise ist schuld, behauptet ein Forscherteam um den Soziologen Aaron Reeves von der University of Oxford im British Journal of Psychiatry (online): Wer Job oder Wohnung verliert, in seinen Schulden ertrinkt, der gehe manchmal den letzten Schritt.

Die Forscher berufen sich auf WHO-Daten aus 24 EU-Ländern und Nordamerika. Demnach begann die Trendumkehr in der EU mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2007; schon bis 2009 sei die Suizidrate um 6,5 Prozent gestiegen und dann bis 2011 auf dem hohen Niveau geblieben. In Kanada stieg die Rate von 2007 bis 2010 um 4,5 Prozent, in den USA um 4,8 Prozent.

"Die Wirtschaftskrise ist verantwortlich für den Anstieg"

Insgesamt führten diese Trends zu mindestens 10 000 krisenbedingten Suiziden, angeblich eine "konservative Schätzung". Dabei weisen Reeves und Kollegen darauf hin, dass sich diese Entwicklung nicht in allen Ländern findet. So blieben Österreich und Schweden von steigenden Suizidraten verschont. Womöglich entfalte in diesen Ländern eine aktive Arbeitsmarktpolitik schützende Effekte.

"Es gibt sehr viele Einflussfaktoren bei der Suizidalität", warnt der Psychiater Elmar Etzersdorfer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Die vorliegenden Statistiken zeigten keine Kausalitäten, wobei man die neue Studie aus Oxford schon "sehr ernst" nehmen müsse. Noch deutlicher wird Manfred Wolfersdorf, Chefarzt der Psychiatrie im Bezirkskrankenhauses Bayreuth: "Die Wirtschaftskrise ist verantwortlich für den Anstieg", bestätigt der renommierte Suizidologe. "Es gibt keine andere plausible Erklärung." Zudem zeigten soziologische Studien seit über 100 Jahren, dass die Bedrohung der wirtschaftlichen Existenz und des gesellschaftlichen Ansehens große Risikofaktoren für einen Suizid darstellten.

Zu klären bleibt nun die Frage, wieso nach neuesten Daten die Suizidzahl in Deutschland im Jahre 2012 wieder unter 10 000 gefallen ist.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.