21. Dezember 2012 11:50 Buch: "Die Homöopathie-Lüge" Erfolgsgeschichte trotz fehlender Substanz

Von Markus C. Schulte von Drach

Die Zahl der Homöopathie-Anhänger wächst und wächst - Apotheker und auch immer mehr Ärzte bieten ihrer Kundschaft Kügelchen ohne Wirkstoffe an. Selbst an den Universitäten greift die "alternative" Heilslehre zunehmend um sich. Wie konnte das passieren? Die Wissenschaftsjournalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann bieten eine Antwort auf diese Frage.

Wer eine Apotheke betritt, dem fallen sie schnell ins Auge: Bücher wie der "Quickfinder Homöopathie" oder Ratgeber zur Anwendung von Bach-Blüten und Schüßler-Salzen. Was in den Bücherständern und Auslagen nicht auftaucht, ist dagegen das Buch "Die Homöopathie-Lüge".

Warum eigentlich nicht? Schließlich geht es in dem Buch der Journalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann ebenfalls um Homöopathie. Es geht um jenes inzwischen unglaublich gefragte Heilverfahren, für das Teile von Pflanzen oder Tieren, Mineralien oder Giftstoffe extrem stark verdünnt werden, um sie dann gegen Symptome einzusetzen, die sie unverdünnt angeblich selbst auslösen. Bach-Blüten-Therapie und Schüßler-Salze sind lediglich Variationen der Homöopathie.

Und während die teilweise knallbunten "Ratgeber" Behauptungen aufstellen, die durch wissenschaftliche Studien nicht nur nicht gedeckt, sondern widerlegt sind, bemühen sich die Autoren der "Homöopathie-Lüge" darum, die Verbraucher aufzuklären. Wären Apotheken dann nicht naheliegende Verkaufsstellen?

Leider erschließt sich der Grund dafür, weshalb Arzneimittelverkäufer kaum ein Interesse daran haben, den Verkauf dieses Buches zu fördern, den meisten Menschen erst nach dem Lesen desselben.

Weymayr und Heißmann haben ein populärwissenschaftliches Buch über die Homöopathie vorgelegt, in dem sie allen wichtigen Fragen zu diesem "alternativen Heilverfahren" nachgehen:

Darüber hinaus jedoch - und das erklärt, wieso Arzneimittelhändler kaum ein Interesse an dem Verkauf des Buches haben dürften - legen Weymayr und Heißmann dar, wieso Apotheker und auch Mediziner vom Interesse vieler Patienten an paramedizinischen Methoden profitieren können.

Diese Berufsgruppen haben mit den Mitteln nämlich immer noch eine vermeintliche Arznei mehr zur Hand, als die konventionelle Medizin anbieten kann. Und das bietet einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, die den Patienten erklärt, man könne nichts mehr für sie tun.

In der Regel ist es vordergründig meist auch unproblematisch, die Mittel zu verschreiben oder zu verkaufen. Denn so extrem verdünnt wie sie gewöhnlich sind, enthalten sie zu wenig Substanzen um Nebenwirkungen zu verursachen - von einer Wirkung ganz zu schweigen.

Außerdem erhöhen der Placebo-Effekt und das Kümmern der Ärzte bei vielen Patienten das Wohlbefinden. Häufig verschwinden Krankheitssymptome auch von selbst, was dann der homöopathischen Behandlung zugeschrieben wird und das Vertrauen in die Mediziner und Arzneimittelverkäufer vergrößert. Diese Effekte sind so stark, dass sogar viele Apotheker und Ärzte tatsächlich an die Heilkraft der Homöopathie glauben - obwohl sie im Studium gelernt haben, wieso sie sich irren müssen.

Dazu kommt, dass das Medizinstudium an manchen Universitäten zunehmend von Anhängern der Homöopathie und anderer paramedizinischer Heilverfahren untergraben wird. Es ist ihnen gelungen, ihre "Lehren" an einer Reihe von Hochschulen in Form von Vorlesungen und Seminaren ins Medizinstudium zu integrieren. Zugleich mit Lehrstühlen zu sogenannten alternativen Heilverfahren, die fast ausschließlich von Firmen und Stiftungen finanziert werden, können die Homöopathen deshalb vortäuschen, den akademischen Ritterschlag erhalten zu haben. Dieser Eindruck führt letztlich dazu, dass die Bereitschaft der Patienten und Krankenkassen wächst, Geld in die Paramedizin zu investieren.

Damit nicht genug: Nach Jahren intensiver Lobbyarbeit der Unternehmen und der Anhänger des Heilverfahrens haben die Homöopathie und die zum Teil mit homöopathischen Methoden arbeitende anthroposophische Medizin einen Sonderstatus in Deutschland und Europa erreicht: Im Gegensatz zu konventionellen Medikamenten müssen sie ihre Wirksamkeit nicht beweisen.

Doch über die Lobbyarbeit der verschiedenen Interessengruppen, die hinter dem Erfolg steckt, und ihren Erfolg zum Beispiel in der Politik war bislang wenig zu erfahren. Allein die Kapitel, die sich mit diesem vernachlässigten oder ignorierten Aspekt beschäftigen, machen die "Homöopathie-Lüge" deshalb zu einem Buch, das auch für Anhänger dieses Heilverfahrens neue Informationen bietet.

So haben sich auch die Produzenten von Homöopathika im Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) organisiert, in der eigene Arbeitsgruppen existieren, die versuchen, "diese Therapierichtung verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken", wie Weymayr und Heißmann berichten. Ebenfalls vertreten werden die Interessen der Homöopathie-Hersteller im Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). In der Politik stoßen die Lobbyisten auf großes Interesse.

Die Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens (Grüne), hat sich als besonders wertvolle Verbündete der Homöopathen erwiesen, die öffentlich fordert, die paramedizinische Methode müsse einen festen Platz im Gesundheitssystem haben. Auch die Entschärfung der Novelle des Arzneimittelgesetzes 2009 geht offenbar unter anderem auf die Lobbyarbeit des BPI unter SPD-Bundestagsabgeordneten zurück. So konnte die Deutsche Homöopathie-Union jubeln: "Unangemessene regulatorische Anforderungen an Hersteller homöopathischer Arzneimittel kurz vor Abstimmung doch noch abgewendet."

"Politiker, die weniger daran interessiert sind, was tatsächlich möglich ist, sondern mehr daran, was Bürger für möglich halten, finden sich anscheinend immer", schreiben die Autoren dazu.

Ein Glücksfall für die Homöopathen war auch, dass Karl Carstens (CDU) 1979 zum Bundespräsidenten ernannt wurde. Gemeinsam mit seiner Frau Veronica Carstens, eine Anhängerin der Homöopathie, gründete er eine Stiftung zur Förderung alternativer Heilverfahren - die schon dank ihres Namens über großen Einfluss verfügt. Auf europäischer Ebene arbeitet die European Coalition on Homeopathic and Anthroposophic Medicinal Products (Echamp). "Deren Vertreter frühstücken zum Beispiel schon mal in Brüssel gemeinsam mit Europa-Parlamentariern und legen ihnen die Philosophie und die besonderen Bedürfnisse der alternativen Therapierichtungen ans Herz", berichten Weymayr und Heißmann.

Darüber hinaus weisen die Autoren auf besondere, hintergründige Gefahren der Homöopathie hin, die bei den endlosen Diskussionen über die Studien zur Wirksamkeit gern übersehen werden: Wer zu lange auf die alternative Heilmethode setzt, verschleppt möglicherweise eine Krankheit, die mit konventionellen Mitteln hätte behandelt werden können.

"Vor allem aber", heißt es zutreffend bereits auf dem Buchrücken über die weißen Kügelchen, die Globuli, "untergraben sie ein Denken, das auf rationalen Kriterien beruht". Denn sollten die Homöopathen recht haben, müssten die grundlegendsten Erkenntnisse der Physik in Frage gestellt werden. Das wird jedoch kaum jemand ernsthaft in Erwägung ziehen.

Deshalb, so schließen Weymayr und Heißmann, "kann es unserer Ansicht nach nur einen Ausweg geben: Die Homöopathie muss, wie die Astrologie und die Alchemie bereits vor ihr, kategorisch aus der wissenschaftlichen Welt verbannt werden. Homöopathie ist Glaube, Aberglaube, Esoterik, Voodoo".

Damit die Mediziner aber weiterhin jene Effekte nutzen können, die zwar nicht die homöopathischen Mittel, jedoch die homöopathische Behandlung insgesamt offenbar tatsächlich hat, sollten "Mediziner und ihre Verbände [...] dafür sorgen, dass das Gespräch und das zurückhaltende Therapieren im Gesundheitssystem einen angemessenen Stellenwert bekommen".

Christian Weymayr, Nicole Heißmann: Die Homöopathie-Lüge. So gefährlich sind die weißen Kügelchen. Piper Verlag, München 2012. 336 Seiten, 16,99 Euro. ISBN 9783492055369