US-Regierung drückt Mindestlohn in Haiti Zwei Dollar am Tag

Textilarbeiter in Haiti erhalten Hungerlöhne - die US-Regierung soll eine Erhöhung verhindert haben. So steht es offenbar in den Botschaftsnachrichten aus Port-au-Prince, die Wikileaks bald veröffentlichen will. Demnach haben Klamottenhersteller wie die Jeans-Firma Levi's Druck gemacht, den haitianischen Mindestlohn niedrig zu halten.

Von Alina Fichter

Die Regierung von US-Präsident Barack Obama soll Haiti massiv unter Druck gesetzt haben, den Mindestlohn pro Stunde nicht wie geplant auf 61 Cent zu erhöhen, was etwa fünf US-Dollar pro Tag entspräche. Das berichtet das US-Magazin The Nation und beruft sich dabei auf noch nicht veröffentlichte Informationen der Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks.

Zwei Jahre ist es her, da wollte die Regierung Haitis den Mindestlohn auf dem Inselstaat in der Karibik, der zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, deutlich anheben: Statt wie bisher 24 Cent sollten die Arbeiter künftig wenigstens 61 Cent pro Stunde bezahlt bekommen.

Noch immer nicht viel, möchte man meinen, aber immerhin zweieinhalb Mal mehr als zuvor. Die Regierung hoffte, die Armut der Bevölkerung, deren große Mehrheit von weniger als zwei Dollar pro Tag lebt, etwas lindern zu können und der Wirtschaft einen Impuls zu geben. Schließlich würden besser bezahlte Menschen mehr Geld ausgeben können. Was sich für die Haitianer zunächst vielversprechend anhörte - hängt ihr Land doch nicht erst seit dem verheerenden Erdbeben Anfang 2010 am Tropf ausländischer Hilfe - sorgte in den USA offensichtlich für erheblichen Ärger.

Die amerikanischen Bekleidungskonzerne Hanes und Levi's lassen Jeans, T-Shirts und Pullover auf dem Inselstaat nähen, die sie anschließend in schicken Filialen der Industrieländer verkaufen. Angelockt wurden die Konzerne von den niedrigen Kosten, der bisherige Mindestlohn in Haiti ist 29 Mal niedriger als in den USA.

Genau so soll es auch bleiben, fanden Hanes und Levi Strauss offensichtlich: Auf 50 Cent mehr am Tag ließe man sich ein, mehr zahle man aber keinesfalls, sagten sie dem US-Außenministerium - das laut Wikileaks mit der Haitianischen Regierung zu verhandeln begann. Ein Mitarbeiter der US-Botschaft warf ihr demnach "populistische Maßnahmen" vor, mit denen sie arme Wähler gewinne, aber ausländische Firmen aus dem Land vertreibe.

Es hört sich wie eine Drohung an, die umso schwerwiegender wiegt, wenn man bedenkt, dass Haiti außer Textilien kaum etwas exportiert. Unter dem Druck soll die Regierung in Port-au-Prince schließlich eingeknickt sein. Man einigte sich auf einen Mindestlohn für Textilarbeiter von drei statt der vorgesehenen fünf Dollar. Das Schlimmste war also abgewendet - aus Sicht von Hanes und Levi's zumindest.

In Haiti arbeiten 25.000 Näher. Bekäme jeder von ihnen zwei Dollar mehr, müssten Levi's und Hanes jeden Tag zusätzlich 50.000 Dollar ausgeben - das sind 12,5 Millionen Dollar im Jahr.

Betrachtet man nur Hanes, wird die Höhe der Mehrkosten, die der Konzern gerade noch abwenden konnte, noch deutlicher: Zwei Dollar mehr für die 3200 haitianischen Textilarbeiter hätten 1,6 Millionen Dollar zusätzliche Ausgaben bedeutet. Zwar machte die Firma im vergangenen Jahr 211 Millionen Dollar Gewinn. Aber unter den zusätzlichen Kosten, so argumentierten die Konzerne gegenüber der US-Regierung, hätten vor allem die Jeans-Käufer dieser Welt zu leiden gehabt: Die Preise für Klamotten wären gestiegen.

10 Dollar und 10 Millionen Dollar

Nur nebenbei erwähnt sei an dieser Stelle, dass Hanes-Chef Richard Noll im vergangenen Jahr zehn Millionen Dollar Gehalt einstrich. Aufgeatmet hat er wohl trotzdem, als die US-Regierung ihm so freundlich unter die Arme griff. Ein Glück, die Haitianer kosten nicht mehr, mag er sich gedacht haben.

Anders geht es den Textilarbeitern: Eine vierköpfige Familie in Haiti benötigt etwa zehn Dollar am Tag, um angemessen leben zu können. Selbst wenn beide Eltern in einer Hanes-Fabrik arbeiten, verdienen sie also nicht genug.

Kaum hatte The Nation die Informationen auf der Homepage veröffentlicht, zog sie sie auch schon wieder zurück. Grund dafür soll diesmal nicht Druck von Präsident Obama sein - der Artikel solle erst mittwochs erscheinen, gemeinsam mit einem Text der Haitianischen Zeitung Liberté, hieß es.

Linktipp: Wikileaks stellt Medienpartnern oft Informationen vorab zur Verfügung, die Partner einigen sich dann auf einen Veröffentlichungstermin. The Nation hat den Artikel wohl aus Versehen zu früh online gestellt, mittlerweile ist der Text wieder offline. Jedoch waren das Columbia Journalism Review und der US-Blog Business Insider schnell genug und zitieren aus dem Artikel.

Update 9. Juni 2011: Der Nation-Artikel ist nun online. Am Ende des Textes weist die Redaktion auf ein paar Feinheiten hin, die in ihren Augen nicht richtig übernommen wurden, als der Artikel kurz online stand.