Weltwirtschaft Warum eine neue Finanzkrise immer wahrscheinlicher wird

Börse in Tokio: Nicht nur die asiatische Märkte geraten ins Rutschen.

(Foto: dpa)
  • Schlechte Nachrichten aus China und Sorgen um die Weltkonjunktur lasten auf den Börsen.
  • Bis zu einer Billion Dollar könnten Investoren in den vergangenen 15 Monaten aus Schwellenländern abgezogen haben.
  • Zum Schicksalstag für die Börsianer könnte der 17. September werden, dann entscheidet die US-Notenbank Fed darüber, ob sie die Leitzinsen wieder anhebt.
Von Claus Hulverscheidt, Jan Willmroth und Markus Zydra, Frankfurt/München/New York

Der Blick auf die Kurse lässt nichts Gutes erahnen, und zusammen mit der jüngeren Geschichte ist der Blick nach vorn nicht gerade beruhigend. Schlechte Nachrichten aus China und Sorgen um die Weltkonjunktur lasten auf den Börsen, die wichtigsten Indizes sind zuletzt stark gefallen. Der deutsche Leitindex Dax steht wieder auf dem Niveau von Mitte Januar, am Freitag rutschte er drei Prozent ab. Der Dow Jones velor am gleichen Tag im Wochenvergleich um 5,8 Prozent, der japanische Nikkei fiel allein in fünf Tagen mehr als fünf Prozent. Das ist mehr als nur schlechte Stimmung.

Ende August 2015 haben die Finanzmärkte eine der längsten Boom-Phasen ihrer Geschichte erlebt. Jetzt sind entscheidende Wochen angebrochen: Ist dieser Boom vorbei? Droht gar ein Absturz, der eine weltweite Krise zur Folge hat?

Um ihre Exportwirtschaft zu stützen, überbieten sich die Zentralbanken mit Abwertungen

Darüber lässt sich spekulieren, und sollte ein Crash bevorstehen, wird es danach wie immer Menschen geben, denen man nachsagt, ihn vorausgesagt haben. Was aber sicher ist: Die Risiken sind zuletzt deutlich gestiegen.

Das hat derzeit viel mit China zu tun, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Dort sind die Börsen im laufenden Jahr dramatisch eingebrochen, was die Regierung nur zeitweise durch Stützkäufe auffangen konnte. Die Börse Shanghai stürzte binnen einer Woche erneut um mehr als ein Zehntel ab. Zuvor hatte die chinesische Zentralbank Mitte des Monats die Landeswährung Yuan stark abgewertet und ihr den größten Wertverlust der Währung seit 1994 bereitet. Das entlastet die chinesischen Exporteure, verteuert allerdings Importe und erzeugt damit Druck auf ausländische Unternehmen, die ihre Waren in China verkaufen. Zuletzt mehrten sich angesichts schlechter Daten zu Investitionen, Exporten und der Industrieproduktion auch die Sorgen, China könne seine Wachstumsziele verfehlen. "Die Entwicklung der Weltkonjunktur hängt jetzt weiterhin sehr stark von China ab", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Diese Unsicherheit hat sich zu einer der größten Risiken für die Entwicklung der Weltbörsen angestaut.

Wer jetzt nach einer Finanzkrise Ausschau hält, muss indes nicht lange suchen: In etlichen Schwellenländern ist sie bereits Realität. Die Börsen in Ländern wie Malaysia, der Türkei und Südkorea sind stark gefallen; insgesamt finden sich mehr als 20 Märkte aus der zweiten Reihe, an denen die Kurse binnen Monatsfrist abgestürzt sind. Vor allem rohstoffabhängige Volkswirtschaften sind stark unter Druck geraten, nachdem die Preise für die wichtigsten Industrierohstoffe einhergehend mit dem Ölpreis einbrachen. Zugleich werteten die Währungen zahlreicher Schwellenländer stark ab, jüngst reihte sich Kasachstan in die Gruppe der Länder ein, die mit Abwertungen auf den drohen Abschwung reagieren. Hinzu kommt der arge Kapitalabfluss: Bis zu einer Billion Dollar könnten Investoren in den vergangenen 15 Monaten aus Schwellenländern abgezogen haben. Das setzt die Währungen zusätzlich unter Druck. Schon ist vor allem in den Ländern, welche Waren nach China exportieren, von einem Abwertungswettlauf die Rede: Um ihre Exportwirtschaft zu stützen, überbieten sich die Zentralbanken mit Abwertungen.

Herdenverhalten ließ den Dax steigen

Bank-Volkswirt Bielmeier warnt, die Sorgen an den Finanzmärkten könnten sich auf die Realwirtschaft ausdehnen und zu Konsum- und Investitionszurückhaltung vor allem in Industrieländern führen. "Man darf nicht vergessen, dass die weltwirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre von diesen Ländern getragen war", sagt er. An einen Crash glaubt er nicht - für zu gut hält er die Mischung aus niedrigen Energiekosten und Nullzinsen.

Bislang waren die meisten davon ausgegangen, dass die Aktienkurse weiter steigen würden, ganz einfach, weil es an Investment-Alternativen mangelt. Das Argument: Pensionskassen und Fonds müssen Renditen für die Kundschaft erwirtschaften, doch seit die wichtigsten Zentralbanken der Welt den Zins praktisch bei null Prozent fixiert haben, werfen Anleihen viel zu wenig ab. Die Profis sprechen vom Anlagenotstand, das heißt, vom Zwang, soviel Geld wie möglich in Aktien zu stecken, weil dort die höchsten Profite möglich sind. Das Herdenverhalten führte jüngst dazu, dass beispielsweise der Dax bis April mit mehr als 12 000 Punkten auf ein neues Rekordhoch gestiegen war.

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Doch nun geht es abwärts. Das Wirtschaftswachstum lässt auf sich warten. Im Grunde sollten niedrige Zinsen dazu führen, dass mehr investiert und konsumiert wird, was die Unternehmensgewinne steigert. So ließen sich auch steigende Aktienkurse erklären. Doch dieser erhoffte Effekt blieb weitgehend aus. Trotz Nullzinspolitik wird insgesamt weniger investiert und weniger konsumiert - aber mehr gespart. "Deshalb leidet die Welt unter einer mangelnden Nachfrage", sagt Joachim Fels, Berater der Fondsgesellschaft Pimco. Ein Dilemma: Investoren müssen Aktien kaufen - weil festverzinsliche Anlagen zu wenig Rendite bringen. Zugleich geben die niedrigen Zinsen zu wenig Wachstumsimpulse, um stetig steigende Kurse zu rechtfertigen. Sinken die Investitionen, rotieren die Ersparnisse im Finanzsystem und können dort Preisblasen erzeugen.

Kommt es Mitte September zum Zinsschritt, dürfte der Dollar deutlich an Wert gewinnen

Die bisher letzte Blase platzte 2008. Damals sprangen die wichtigsten Zentralbanken als Retter in der Not ein und senkten die Zinsen. Das können sie bei der nächsten Krise nicht mehr tun, weil die Zinsen schon bei null liegen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Zentralbank der Zentralbanken, warnt in ihrem Jahresbericht: Die weltweit extrem niedrigen Zinsen seien Anzeichen "einer größeren Malaise". Das Wirtschaftswachstum sei unausgewogen, die Schulden und die finanziellen Risiken noch immer zu hoch.

Zum Schicksalstag für die Börsianer könnte der 17. September werden. An diesem Tag entscheidet die US-Notenbank Fed darüber, ob sie an ihrer Null-Zins-Politik zur Stützung der Konjunktur festhält, oder ob die wirtschaftliche Lage in den Vereinigten Staaten mittlerweile so robust ist, dass sie es wagen kann, erstmals seit neun Jahren die Leitzinsen wieder anzuheben.

Wie die Entscheidung auch ausfällt - angesichts des unruhigen Umfelds könnte es für die Aktienmärkte erst einmal weiter bergab gehen: Strafft die Fed wie erwartet die Geldpolitik, bedeutet das, dass die Zeit des billigen, die Börsen immer weiter befeuernden Geldes tatsächlich zu Ende geht. Belässt sie den Leitzins hingegen bei null, würde das als Beweis dafür gewertet, dass die Notenbank der Stabilität der US-Konjunkturentwicklung immer noch misstraut. Beides wäre, zumindest auf kurze Sicht, gleich schlecht für die Märkte.

Die Notenbank muss beweisen, dass Normalität möglich ist

Kommt es zum Zinsschritt, dürfte der Dollar merklich an Wert gewinnen, manche Experten halten einen raschen Anstieg um zehn Prozent für nicht ausgeschlossen. Das würde US-Exportfirmen und deren Aktienkurse belasten, käme zugleich aber den Bemühungen der Europäischen Zentralbank (EZB) entgegen, den Euro-Kurs möglichst niedrig zu halten. Spiegelbildlich zur Entwicklung in den USA könnten die Kurse europäischer Exportunternehmen somit steigen. Da Anlagen in Dollar bei einer Zinserhöhung attraktiver würden, bestünde die Gefahr, dass Investoren Geld aus den Schwellenländern abzögen, was die vielerorts ohnehin schwierige Lage noch einmal verschärfen würde.

Die Entscheidung der Fed hat jedoch noch eine ganz andere Dimension, die weit über die Frage einer Zinserhöhung um 0,25 oder 0,5 Punkte hinausgeht. Die Notenbank muss grundsätzlich beweisen, dass nach einer geldpolitischen Extremphase mit Niedrigstzinsen und gigantischen Programmen zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren, eine Rückkehr zur Normalität möglich ist. Genau das haben prominente Kritiker immer bezweifelt, unter ihnen Bundesbankpräsident Jens Weidmann: Er hatte schon früh gewarnt, die Politik des billigen Geldes, wie sie die Fed und die EZB betrieben, könne "süchtig machen wie eine Droge". Sollte sich erweisen, dass der Entzug dieser Droge tatsächlich problematisch ist, könnte das an den Märkten für weitere erhebliche Verwerfungen sorgen.

Das Potenzial dazu ist groß. Das nach einer Formel des Wirtschaftsprofessors Robert Shiller berechnete Kurs-Gewinn-Verhältnis für den S&P-500-Index - ein um jährliche Schwankungen bereinigtes Bewertungsmaß für Aktien - notiert deutlich über seinem historischen Mittel, und nur dreimal seit 1882 stand es höher: in den Jahren 1929, 2000 und 2007.