Landwirtschaft Der Tag, an dem es Herrn Gelb reichte

"Ich habe mir gesagt, das kann doch nicht sein, dass wir immer mehr machen, immer mehr Ferkel produzieren", sagt Josef Gelb, hier mit seinem Sohn im Bild.

(Foto: Günther Reger)

Der Landwirt Josef Gelb hat seine Schweinezucht umgestellt - und besitzt jetzt einen bayernweit einzigartigen Wohlfühlstall.

Von Julia Bergmann

Irgendwann hat es Josef Gelb gereicht. Der Punkt, an dem er nicht mehr so weitermachen wollte wie bisher, liegt jetzt etwa fünf Jahre zurück. Damals hatte der Landwirt einen kontinuierlich wachsenden Schweinezuchtbetrieb mit 400 Mutterschweinen und stand vor der Frage, wie viele Tiere es noch werden sollten.

"Ich habe mir gesagt, das kann doch nicht sein, dass wir immer mehr machen, immer mehr Ferkel produzieren", sagt der 57-Jährige. Er entschied sich für einen anderen Weg und eröffnete im September 2016 seinen bayernweit einzigartigen "Wohlfühlstall" in Steinach im Landkreis Aichach-Friedberg. Damit verkleinerte er seinen Zuchtbetrieb und erweiterte um die Schweinemast, die sich von der in herkömmlichen Betrieben deutlich unterscheidet.

Wenn Gelb in seinem "Luxusstall" das automatische Einstreusystem anschmeißt und das Stroh beginnt, von der Decke zu rieseln, strömen die Schweine vom überdachten Außenbereich des Stalls ins Innere. Sie recken ihre feuchten rosa Schnauzen in den Strohregen, in den Buchten hört man überall wohliges Grunzen. "Das Stroh dient den Tieren als Spielzeug, bringt Liegekomfort und ist gleichzeitig Futter", erklärt Gelb.

Stroh ist selten geworden

Aber nur etwa ein Prozent aller Landwirte nutzt Stroh, schätzt er. Ohne sei es praktischer, sauberer, denken viele. Auf dem sonst gängigen Vollspaltenboden hat der Einsatz von Stroh ohnehin keinen Sinn, es würde durch die Ritzen fallen. In Gelbs Stall, in dem es nur in einem kleinen Teil der Buchten einen solchen Boden gibt, ist das anders. Das Stroh mache die Schweine glücklicher, sagt der Landwirt. "Unseren Schweinen soll es bis zur Schlachtung gut gehen." Wenn sie stressfrei und artgerecht gehalten werden, sei auch die Qualität des Fleisches besser.

Stressfrei sieht das Leben in Gelbs "Wohlfühlstall" tatsächlich aus. Dort gibt es eine Fußbodenheizung, eine beheizbare Tränke, Spielzeug und im Außenbereich eine Dusche, die für Abkühlung sorgt, falls es im Sommer zu heiß wird. Die Tiere haben mit 1,4 Quadratmetern pro Schwein fast das Doppelte an Platz als in herkömmlichen Mastbetrieben. Sie dürfen länger wachsen und bewegen sich mehr. Weil sie selbständig vom Innenbereich in den überdachten Außenstall gehen können und so einem wechselnden Wärme- und Kältereiz ausgesetzt sind, seien sie auch widerstandsfähiger. "Seit Eröffnung haben wir noch kein einziges Mal Antibiotika geben müssen", sagt Gelb.

Das Wichtigste an seinem Konzept ist dem Landwirt, dass die gesamte Produktion und Vermarktung in der Region abläuft. Er vermeidet lange Transportwege zu Schlachthöfen und verkauft ausschließlich an Metzger in seiner Nähe. Auch beim Futter hat Regionalität für Gelb höchste Priorität. Soja, Mais, Weizen und Gerste stammen zum großen Teil aus eigenem Anbau, den Rest kauft er von Erzeugern aus der Nähe. "Gentechnik- und glyphosatfrei. Das gehört für mich dazu", sagt er.

Das alles zieht einen höheren Fleischpreis nach sich. Im Durchschnitt bekommt ein Landwirt 1,50 Euro pro Kilogramm Schwein. Bei Gelb sind es 40 Cent mehr. Anfangs schreckten viele Metzger vor dem Preis zurück. Erst seit Kurzem laufen die Geschäfte besser. Angebote, an große Supermarktketten zu liefern, gab es zwar schon früh, sagt Gelb, er habe aber abgelehnt. Daran ändert auch die freiwillige Kennzeichnung von Fleischprodukten, wie sie der Discounter Lidl plant, nichts. Zum einen, weil Gelb sich wegen der langen Transportwege von seinem Grundsatz der Regionalität verabschieden müsste. Zum anderen, weil die Supermärkte mit den vier Kategorien weiterhin "mehrgleisig fahren". "Das ist für mich nicht vertrauenswürdig", sagt Gelb. Er hat feste Prinzipien.

Kühe in Elternzeit

Immer mehr Milchbauern lassen neugeborene Kälber wieder bei ihren Müttern. Das erfordert zwar einige Umstellungen - könnte sich aber auch wirtschaftlich lohnen. Von Tanja Busse mehr...