Umbau des Münchner Konzerns Siemens-Chef Kaeser lässt Energie-Vorstand fallen

Eigentlich wollte der neue Siemens-Chef Joe Kaeser für Ruhe im Unternehmen sorgen. Doch nun kommt alles anders: Jetzt muss überraschend einer der mächtigsten Vorstände des Konzerns für eine Shell-Managerin Platz machen.

Von Caspar Busse

In Berliner Bezirk Spandau gibt es einen ganzen Stadtteil, der nach dem Unternehmen aus München benannt ist: Siemensstadt. Genau dort, in der Mosaik-Halle der Siemens-Niederlassung am Rohrdamm, hat Joe Kaeser, 56, an diesem Mittwoch seinen großen Auftritt: Er will der Öffentlichkeit eine grundlegende Neuordnung des Unternehmens und eine neue Strategie verkünden. Und das in ohnehin schon unruhigen Zeiten: Denn gleichzeitig verhandelt Kaeser über eine Milliarden-Übernahme des französischen Konkurrenten Alstom. Es wäre die größte Akquisition des Unternehmens seit vielen Jahren. Siemens bietet mit dem US-Konkurrenten General Electric um die Wette - Ausgang offen.

Doch damit nicht genug. Nach Informationen von Süddeutsche.de muss jetzt mitten in den brisanten Verhandlungen einer der mächtigsten Siemens-Manager gehen: Michael Süß, 50, wird seinen Vorstandposten aufgeben. Der gebürtige Münchner war seit drei Jahren für den Sektor Energie verantwortlich. Dem Vernehmen steht seine Nachfolge bereits fest: Es soll offenbar Lisa Davis werden, die Managerin ist bisher beim Ölkonzern Shell für Strategie zuständig. Sie wird künftig von den USA aus operieren, also von dort, wo auch der wichtigste Wettbewerber, General Electric (GE), sitzt. Siemens wollte dazu zunächst keinen Kommentar abgeben.

Der Energiesektor ist für Siemens das mit Abstand wichtigste Geschäft. Denn der Umsatz mit Gasturbinen, Kraftwerken, Windanlagen, Stromübertragung und anderem lag im vergangenen Geschäftsjahr mit 84 000 Mitarbeitern bei knapp 27 Milliarden Euro. Das ist immerhin ein Drittel des gesamten Siemens-Umsatzes. Der Gewinn erreichte sogar zwei Milliarden Euro, es ist das beste Ergebnis aller Siemens-Sektoren.

Das Verhältnis zwischen Kaeser und Süß galt nicht als das Allerbeste, trotzdem kommt die Demission gerade zum jetzigen Zeitpunkt überraschend. Denn Süß begleitete seinen Chef in der vergangenen Woche noch bei dessen Visite beim französischen Präsidenten François Hollande. Gemeinsam taten sie im Élysée-Palast ihr Interesse an der Energiesparte von Alstom kund. Zusammen wären Siemens und die Franzosen der größte Anbieter von Energietechnik weltweit.

Selbstbewusst, ruppig, unkonventionell

Süß hatte in München Maschinenbau studiert und war erst bei BMW, dann lange beim Turbinenbauer MTU tätig. Er kam erst 2006 zu Siemens - und hatte sich im vergangenen Jahr wohl selbst Hoffnungen gemacht, neuer Siemens-Chef zu werden. Der knorrige Bayer gilt als sehr selbstbewusst, sein Führungsstil als unkonventionell. Intern wurde er immer wieder wegen seiner ruppigen Art kritisiert. Trotzdem hielt er das wichtige Energiegeschäft weitgehend auf Kurs.

Zwischen Kaeser und Süß habe es zuletzt eine Art "Waffenstilstand" gegeben, berichten nun Insider. Doch nun hat Süß verloren und muss gehen. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, dass er zuletzt zu sehr auf das konventionelle Energiegeschäft gesetzt habe, vor allem auf den lukrativen Verkauf von großen Gasturbinen. Kleinere, dezentrale Anlagen und die regenerative Energieerzeugung habe er dagegen vernachlässigt. Hier aber sei in Zukunft das große Wachstum zu erwarten.

Süß ist seit dem Amtsantritt von Kaeser im August vergangenen Jahres bereits das vierte Siemens-Vorstandmitglied, das seinen Posten räumen muss. Vor ihm hat bereits Brigitte Ederer, die für Personal zuständig war, das Unternehmen verlassen - im Streit mit dem Gesamtbetriebsrat.

Auch die Schweizerin Barbara Kux und der Amerikaner Peter Y. Solmssen sind nicht mehr dabei. Ob es weitere Veränderungen im Siemens-Vorstand geben wird, ist nun offen. Interne Kritik gibt es unter anderem an Klaus Helmrich, der mit der Führung des schwierigen Personalressorts überfordert sei, wie es heißt.

Auch Roland Busch ist nicht unumstritten: Er ist derzeit noch für den Sektor Städte und Infrastruktur zuständig, dessen Ergebnisse sich zuletzt deutlich verschlechtert hatten. Zu diesem Sektor gehört unter anderem das Geschäft mit der Bahntechnik und den Hochgeschwindigkeitszügen. Dieses könnte Siemens möglicherweise an Alstom abgeben.