Technikskepsis Angst vor Technik ist irrational

Wenn es um den technischen Fortschritt geht, sind viele Ängste der Menschen unbegründet.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Wenn es um technischen Fortschritt geht, vertrauen Menschen eher ihren Gefühlen als den Fakten. Mehr rationales Denken würde helfen: Die Technik hat mehr Vorteile gebracht als Gefahren.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Mal kurz gefragt: Wer guckt beim Autofahren manchmal auf sein Smartphone? Wer hat im Auto schon mal nach der runtergefallenen brennenden Zigarette gesucht, hat sich von Musik ablenken lassen oder von einem hitzigen Gespräch? Gründe dafür, warum der Mensch am Steuer und überhaupt im Zusammenwirken mit Technik Fehler macht, gibt es nahezu unendlich viele. Ihnen allen ist eines gemein: Eine Maschine würde diese Fehler nicht machen.

Maschinen rauchen nicht, sie gucken nicht aufs Handy, sind nicht verliebt, traurig oder verärgert, sie werden nicht müde. Schon klar: Maschinen können auch kaputtgehen oder eine Fehlfunktion haben. Aber dass sich Menschen zu einem großen Teil für die besseren Lenker und Steuerer halten, wie eine gerade veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben hat, ist irrational. Die Menschen täten daher gut daran, solche Fragen eher mit dem Verstand als mit dem Gefühl zu entscheiden.

Es mag ja ein zu hoch gestecktes Ziel sein, dass sich die Autoindustrie vorgenommen hat, die Zahl der Verkehrsunfälle auf null zu senken. So viel Leid das auch ersparen würde, ganz wird sich diese Hoffnung nicht erfüllen, das haben viele Unfälle gezeigt, bei denen technisches Versagen die Ursache war. Aber mehr Automatisierung, das ist die einhellige Meinung der Experten, würde die Zahl von Unfällen drastisch verringern.

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Trotzdem geben in der Bertelsmann-Studie zwei Drittel der Befragten an, sie würden der Technik misstrauen. Sie fürchten, in einen Unfall verwickelt zu werden, ohne dabei die Kontrolle zu haben. Anders gesagt: Sie haben Angst, der Technik hilflos ausgeliefert zu sein. Dabei passieren doch weit mehr Fehler, wenn der Mensch die Kontrolle hat. Woher aber kommt diese irrationale Furcht vor den Maschinen?

Die Sache liegt an einer sehr menschlichen Eigenheit. Wenn es brenzlig wird, wenn irgendwie Gefahr im Verzug ist, neigen Menschen dazu, aus dem Bauch zu entscheiden. Die Macht der Intuition sollte man auch nicht unterschätzen. In vielen Fällen aber führt eine solche Herangehensweise dazu, sich auf Erprobtes, Bewährtes - und vor allem Gewohntes - zu verlassen. Obwohl seit Langem bekannt ist, dass das Gefährlichste am Fliegen der Weg vom und zum Flughafen ist, wird den meisten eher mulmig, wenn eine Turbulenz den Flieger wackeln lässt, als bei einem Überholmanöver auf der Landstraße auf dem Weg zum Airport. Obwohl Letzteres statistisch gesehen das weitaus größere Risiko birgt.

Aber wenn das Gefühl spricht, hat die Statistik, naturgemäß eine trocken-nüchterne Angelegenheit, einen schweren Stand. Spezifisch deutsch ist das nicht, in Deutschland aber ist eine Art von Grundskepsis gegenüber der Technik ziemlich ausgeprägt. Und das, obwohl man überwiegend von der Technik, von Fahrzeug- und Maschinenbau, lebt. Während man in anderen Ländern eher geneigt ist, etwas einfach einmal auszuprobieren, melden sich hier als Erstes immer die Bedenkenträger.

Rationales Denken hilft in einer Welt, die ohne Technik längst nicht mehr auskommt

Natürlich kann es nicht darum gehen, sich mit dem Technik-Optimismus der Futuristen - einer Geistesströmung im frühen 20. Jahrhundert - blindlings in alle möglichen Katastrophen zu stürzen. Natürlich muss vorher auch bedacht werden, welche Risiken entstehen könnten. Doch oft ist es eben so: Probiert man es nicht aus, findet man's auch nicht heraus. Und summa summarum hat die Evolution der Technik den Menschen mehr Gutes als Nachteile gebracht - bei aller nötigen Kritik an Dingen wie Ressourcenverschwendung oder Klimawandel.

Was also ist zu tun? Der Einzelne sollte versuchen, in solchen Fragen eher informierte Entscheidungen zu treffen, als sich von undifferenzierten Gefühlen leiten zu lassen. Im Bildungssystem sollte noch stärker als bisher vermittelt werden, wie anders die Dinge aussehen können, wenn man sie einmal rational betrachtet. Oft hat das auch mit einer Ablehnung von Zahlen und Statistiken zu tun. Man kann nicht verordnen, sie zu mögen, aber man kann ihnen mit griffigen Beispielen das allzu Abstrakte nehmen. So wie man übrigens auch die Ängste der Menschen durchaus ernst nehmen muss. Ihnen bloß ein paar Statistiken entgegenzuschleudern, wird sie nicht beseitigen.

Wir müssen nicht werden wie Homo Faber, Max Frischs trauriger Romanheld, der nichts kennen wollte außer Zahlen und Wahrscheinlichkeiten. Etwas mehr rationales Denken anstatt vorgefasster Bedenken aber würde weiterhelfen in einer Welt, die ohne Technik schon lange nicht mehr auskommt.

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