Tarifverhandlungen bei Karstadt "Paket der Grausamkeiten"

Primark gilt in Branchenkreisen als heißer Anwärter auf manche Filialen von Karstadt, die geschlossen werden

(Foto: dpa)
  • Die irische Billigtextilkette Primark hat offenbar Interesse, kommendes Jahr in einen Teil der Karstadt-Filiale in Hamburg-Billstedt einzuziehen.
  • Vor Kurzem wurde bekannt, dass das Kaufhaus Mitte nächsten Jahres geschlossen wird.
  • Am Dienstag werden bei Karstadt die Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgebern fortgesetzt.
  • Die 17 000 Beschäftigten hoffen nach wie vor auf eine Rückkehr zu Tariflöhnen.
Von Kirsten Bialdiga, Düsseldorf

Wofür sich Primark interessiert

Viel Zeit zum Trauern haben die Karstadt-Angestellten in Hamburg-Billstedt nicht. Nur wenige Tage, nachdem sie erfahren hatten, dass ihr Kaufhaus Mitte nächsten Jahres geschlossen wird, rückten auch schon die potenziellen Nachmieter an. Sie vermaßen Boden und Wände, machten sich Notizen - und verschwanden so unvermittelt, wie sie gekommen waren.

Das Ergebnis war anscheinend zufriedenstellend. Die irische Billigtextilkette Primark hat offenbar Interesse, nächstes Jahr in einen Teil der Karstadt-Filiale in Hamburg-Billstedt einzuziehen, die mit ihren 17 000 Quadratmetern zu groß sein dürfte für einen einzigen Mieter.

Ähnlich ist die Lage in Stuttgart - auch dort gilt Primark in Branchenkreisen als heißer Anwärter auf die Filiale, die der neue Karstadt-Eigentümer René Benko ebenfalls Ende Juni 2015 zumachen will. In Stuttgart könnten die Verhandlungen mit Primark noch dadurch erleichtert werden, dass Benkos Immobiliengesellschaft Signa der Vermieter der Karstadt-Immobilie ist. Signa wollte sich dazu nicht äußern. Ein Primark-Sprecher erklärte, ihm lägen dazu keine Informationen vor.

Was an Primark kritisiert wird

Künftig also womöglich Primark statt Karstadt. Ein Unternehmen, das Kleidung zu Dumpingpreisen verkauft. T-Shirts für drei oder vier Euro sind dort zu haben, und das ist kein Sonderangebot. Wer bei Primark nur ein einziges Kleidungsstück kaufen will, wird an der Kasse ungläubig gefragt, ob das alles sei. Viele Kunden verlassen den Laden mit Bergen von Billigware.

Um deutsche Tarifverträge macht das irische Unternehmen nach Gewerkschaftsangaben allerdings bisher einen Bogen - auch wenn es vorgibt, die entsprechenden Bestimmungen genau zu beachten.

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Wie es für Karstadt-Mitarbeiter weitergeht

Bei Karstadt hingegen haben die 17 000 Beschäftigten die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Tariflöhnen noch nicht aufgegeben. Am Dienstag sollen die Verhandlungen darüber zwischen der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgebern in Ratingen bei Düsseldorf fortgesetzt werden.

Zum ersten Mal seit Benkos Ankündigung, sechs Filialen zu schließen und knapp 2000 Vollzeitstellen zu streichen, wird es dem Vernehmen nach auch um all die strittigen Punkte gehen. "Die Zeit der Situationsbeschreibungen ist vorbei. Jetzt geht es ans Eingemachte", heißt es in informierten Kreisen.

Weit, sehr weit liegen die Positionen von Management und Gewerkschaftern auseinander. Die Arbeitgeber wollen dem Vernehmen nach in den Warenhäusern frühestens Ende 2016 wieder zur Tarifbindung zurückkehren, und selbst dann noch nicht auf einen Schlag. Ursprünglich plante Karstadt, schon im kommenden Jahr wieder Tariflöhne zu zahlen.

Aber das ist noch nicht das Ende der Giftliste: Nach dem Willen der Karstadt-Chefs sollen die Beschäftigten von 2015 an für drei Jahre auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten und statt durchschnittlich 37,5 Wochenstunden künftig 40 Stunden arbeiten. Durch ihren Verzicht sollen sie in den nächsten Monaten das Gros zur Sanierung des Warenhauskonzerns beitragen.

Was Verdi zu den Forderungen sagt

Aus Sicht von Verdi sind die Forderungen unzumutbar, ein "Paket der Grausamkeiten". Urlaubs- und Weihnachtsgeld stünden nicht zur Disposition, heißt es dort. Schon in der Vergangenheit hätten die Arbeitnehmer durch Verzicht mehr als genug zum Überleben von Karstadt beigetragen.

Die Gewerkschafter verlangen stattdessen eine sofortige Rückkehr zur Tarifbindung. Insbesondere für jene 331 Mitarbeiter, die in den Filialen arbeiten, die geschlossen werden sollen. Das sind neben den Warenhäusern in Hamburg-Billstedt und Stuttgart auch die K-Town-Filialen in Köln und Göttingen sowie Schnäppchenmärkte in Paderborn und Frankfurt/Oder. Sollten diese Beschäftigten ohne tarifvertragliche Löhne in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, drohen ihnen Einbußen beim Arbeitslosengeld.

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Dass sich die Parteien schon am Dienstag einigen, ist unwahrscheinlich. Allenfalls eine Annäherung sei denkbar, heißt es. Manche würden es schon als Erfolg werten, wenn bei dem Treffen gemeinsame Absichtserklärungen verabschiedet würden. Die Beteiligten wollten sich im Vorfeld des Treffens nicht äußern.

Wer das 100-seitige Sanierungskonzept umsetzen soll

Ende Oktober war es, da hatte der neue Eigentümer Benko nach einer Aufsichtsratssitzung seine Pläne für den angeschlagenen Kaufhauskonzern erstmals konkretisiert. "Fokus" heißt das über 100 Seiten starke Sanierungskonzept, das als Grundlage für die Sanierung von Karstadt dient. Und Stephan Fanderl ist nun derjenige, der das Ganze umsetzen soll. Filiale für Filiale geht der neue Karstadt-Chef zurzeit laut Insidern durch, um ihre Überlebensfähigkeit zu prüfen. Dabei spiele nicht nur eine Rolle, ob das jeweilige Kaufhaus Gewinne schreibt. Über die Zukunft entscheide auch, wie hoch die Mieten sind und wie die Chancen stehen, aus den laufenden Mietverträgen aussteigen zu können.

"Herr Fanderl ist aktiver als jeder andere seiner Vorgänger bei Karstadt aus jüngerer Zeit", sagt ein Insider. Der frühere Metro- und Rewe-Manager versuche über veränderte Abläufe, etwa beim Einkauf oder Vertrieb, die Kosten zu drücken, wo er nur könne. Er bringe den nötigen Schwung ins Unternehmen hinein. So weit geht der Umbau, dass er auch bereits die Führungsetage erreicht. Die Top-Manager sitzen dem Vernehmen nach seit Neuestem im Großraumbüro.

Was nun von Karstadt erwartet wird

Die Zeit drängt. Bis Mitte November soll das Geschäft wegen des warmen Wetters gar nicht gut gelaufen sein, die Herbst- und Winterware sei zunächst liegen geblieben, heißt es in der Branche. Jetzt richten sich alle Erwartungen vor allem auf das Weihnachtsgeschäft. Davon werde entscheidend abhängen, welche seiner Pläne Benko tatsächlich umsetzen kann und will. Schon im nächsten Frühjahr, wenn die neue Kollektion bezahlt werden muss, könnte die Stunde der Wahrheit kommen, meinen Beobachter.

Dann könnte sich auch entscheiden, ob auf die Sanierung mit dem Namen "Fokus" wie geplant dann das Zukunftskonzept namens "Fokus+" folgt. Aus heutiger Sicht soll das so aussehen: Alle verbliebenen Karstadt-Filialen werden in zwei Gruppen eingeteilt. In "Karstadt 1881, das Erlebnishaus" für Städte wie München oder Köln, wo sich die Kunden auch inspirieren lassen wollen. Und in "Mein Karstadt" in Mannheim oder Rosenheim, wo es vorrangig um die Deckung des täglichen Bedarfs geht. In einen solchen Umbau aber müsste der österreichische Immobilieninvestor wohl einen dreistelligen Millionenbetrag stecken.

Ramponiert, aber nicht am Ende

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Das Problem ist nur: Investieren will Benko erst nach der Sanierung. Also frühestens in zwei bis drei Jahren.