Swiss-Leaks Im Tresor der Mächtigen

Die HSBC Private Bank in Genf: Von hier verschwanden Abertausende Daten

(Foto: REUTERS)

Ein riesiger Datensatz befördert massive Vorwürfe: Die Schweizer Tochter der HSBC war Tausenden zu Diensten, die gute Gründe hatten, ihr Geld zu verstecken.

Von Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Gerard Ryle

Vor wenigen Tagen, Ende Januar, entschied sich die Schweizer Filiale der Großbank HSBC zu einem höchst ungewöhnlichen Schritt: Sie schickte Tausenden aktuellen und ehemaligen Kunden alarmierende Schreiben. Überschrieben sind die Briefe mit "streng privat und vertraulich". Darunter heißt es, offenbar seien Journalisten an vertrauliche Bankdaten gelangt, die der Bank vor Jahren von einem damaligen Angestellten, einem IT-Experten, gestohlen worden seien. Man habe "führende Prozessanwälte" eingeschaltet, aber es bestehe das Risiko, dass manche dieser Informationen "in der Öffentlichkeit auftauchen".

Genau so ist es.

Jener frühere IT-Experte der HSBC heißt Hervé Falciani und ist heute einer der bekanntesten Whistleblower der Welt. Falciani stahl um 2006/2007 herum die Daten von Tausenden HSBC-Kunden und ihren oftmals geheimen Schweizer Konten. An diesen Datensatz gelangten zwei Reporter von Le Monde, die den Bestand dem Internationalen Konsortium von Investigativen Journalisten (ICIJ) übergaben.

Animierte Grafik: Hassân Al Mohtasib

106 458 Kunden aus 203 Ländern

Das ICIJ stellte ein Rechercheteam von mehr als 140 Reportern aus 45 Ländern zusammen, die in den vergangenen Monaten die Daten sichteten - unter ihnen auch Teams des Guardian, der BBC, des amerikanischen TV-Nachrichtenmagazins 60 Minutes und des Recherche-Teams von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR.

Insgesamt identifizierten die Rechercheteams 106 458 Kunden aus 203 Ländern, auf deren Namen rund 60 000 Haupt- und 81 000 Unterkonten angemeldet waren. Nicht allen Konten des Leaks können Geldbeträge zugeordnet werden. Aber allein die enthaltenen Kontostände belaufen sich auf rund 75 Milliarden Euro.

Man versteht, warum Falciani unter Polizeischutz lebt

So wird jetzt, etliche Jahre nach Hervé Falcianis Diebstahl, das wahre Ausmaß und die tatsächliche Bedeutung des wohl weltgrößten Bankdatenleaks deutlich. So versteht man auch, warum Hervé Falciani, der Whistleblower, inzwischen unter massivem Polizeischutz an wechselnden Orten in Frankreich lebt.

Denn in diesen Bankdaten trifft man nicht nur auf wohlhabende Pensionäre, die ihr Geld sicher verwahrt sehen wollten. Die Dokumente zeigen, dass die HSBC Geschäfte machte mit Personen, die verdächtigt werden, Osama bin Ladens Terrorgruppe finanziert zu haben. Mit Waffendealern, die vermutlich Granaten zu Kindersoldaten nach Afrika verbrachten. Mit Handlangern von Diktatoren, mit mutmaßlichen Händlern von Blutdiamanten oder Drogen und mit Betrügern aller Art.

Man kann bestaunen, wie korrupte Regimes aus der ganzen Welt hier Millionen bunkern, man kann die Königshäuser im Nahen Osten abzählen und die Verwandten von Autokraten wie Syriens Baschar al-Assad oder dem ehemaligen tunesischen Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali. Die HSBC war offenbar zu Diensten, wenn Vermögen außer Landes gebracht werden sollte.