Strompreiserhöhungen Deutschland sucht den Sündenbock

Nachdem Millionen Haushalte von teils kräftigen Strompreiserhöhungen erfahren haben, obwohl die Strompreise an der Börse gesunken sind, fahndet die Bundesregierung nach Erklärungen. Der Umweltminister kritisiert maßlose Stromversorger, der Wirtschaftsminister die Ökostrom-Umlage. Und das Kartellamt rät, den Anbieter zu wechseln.

Von Markus Balser und Michael Bauchmüller, Berlin
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Nein, Hildegard Müller nennt keine Namen, auch nicht den ihres Parteifreundes Peter Altmaier. "Die aktuell erhobenen Vorwürfe sind populistisch und wenig hilfreich zur erfolgreichen Umsetzung der Energiewende", schimpft die Chefin des Stromverbandes BDEW. "Haarsträubende Züge" nehme die Debatte an. Und: "Gerade die politisch Verantwortlichen sollten zu ihren Entscheidungen stehen." Gemeint war kaum jemand anders als der CDU-Mann Altmaier selbst.

Der Bundesumweltminister hatte sich kurz zuvor zu den Strompreiserhöhungen eingelassen, die mehr als die Hälfte aller Versorger für Anfang 2013 angekündigt hatten. Betroffen sind 30 Millionen, also drei Viertel aller Haushalte in Deutschland - und das nach Auffassung Altmaiers mehr als nötig. "Viele Stromversorger liegen mit ihrer Erhöhung deutlich über der Erhöhung der Erneuerbare-Energien-Umlage", sagte er in Berlin. "Das ist schwer zu verstehen, weil die Börsenstrompreise seit dem letzten Jahr auf breiter Front gesunken sind." Dann legte Altmaier noch nach: Er wolle auch gerne wissen, wann denn diese Preissenkungen entsprechend weitergereicht würden. Es wäre ein Novum.

Entwicklung des Strompreises

Entwicklung des Strompreises

Die Entwicklung des Strompreises im interaktiven Überblick

Die Umlage wird zum 1. Januar von 3,6 auf dann 5,3 Cent steigen, die meisten Stromanbieter reichen das an die Kunden weiter - gerne auch noch ein bisschen mehr. Auch Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) beklagt, Verbraucher erführen nur die "halbe Wahrheit", wenn Versorger allein den teureren Ökostrom oder Aufwendungen für den Netzausbau als Gründe für die Preissteigerungen anführten. "Von den sinkenden Einkaufspreisen von Strom in den vergangenen Jahren steht da nichts." Die Strompreise steigen - und Deutschland sucht den Sündenbock.

Elektrizität an der Strombörse ist billiger geworden

Tatsächlich ist Elektrizität an der Leipziger Strombörse billiger geworden. Kostete Strom zur Lieferung im kommenden Jahr zu Anfang dieses Jahres noch mehr als 52 Euro die Megawattstunde, sind es derzeit nur noch gut 47 Euro. Dazu tragen auch die erneuerbaren Energien bei - sie drücken immer dann den Preis, wenn Sonne oder Wind im Überfluss vorhanden sind. Das genaue Ausmaß dieses Effektes ist aber bisher umstritten. Auch haben sich viele Stromversorger lange im Voraus mit Strom eingedeckt, sodass Preissenkungen erst peu à peu weitergereicht werden. Der Karlsruher Stromkonzern EnBW argumentiert gar, er habe dank "günstigerer Konditionen bei der Strombeschaffung" die Preisbelastung mindern können.

Wettbewerbshüter raten im Zweifel zum Wechsel des Stromversorgers. "Auch wenn viele Stromversorger nun Kosten der Energiewende an die Verbraucher weitergeben, kann ein Anbieterwechsel in vielen Fällen zu erheblichen Einsparungen führen", sagt etwa Kartellamts-Präsident Andreas Mundt. "Man kann gar nicht eindringlich genug an die Verbraucher appellieren, Preise zu vergleichen und von ihren Wechselmöglichkeiten Gebrauch zu machen."

Ähnlich äußerte sich am Donnerstag Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). "Ein Blick ins Internet lohnt immer", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Wer Anbieter und Strompreise vergleicht, kann oft Geld sparen." Schuld an den steigenden Strompreisen aber seien nicht zuerst die Unternehmen, sondern ist die steigende Ökostrom-Umlage, befindet Rösler. "Die jetzige Förderung der erneuerbaren Energien ist der Hauptkostentreiber beim Strompreis", kritisierte er. "Hier brauchen wir mehr Markt und Wettbewerb statt teurer Planwirtschaft."

"Wer Anbieter und Strompreise vergleicht, kann oft Geld sparen"

Sonderlich kompliziert ist der Wettbewerb im Kleinen ohnehin nicht mehr. Für einen Wechsel bieten Portale im Internet Preisvergleiche an, nötig ist meist nur die Eingabe der Postleitzahl. Um den Versorger zu wechseln, benötigen Verbraucher die Nummer ihres Stromzählers und den Jahresverbrauch - beides findet sich auf der Stromrechnung. Dennoch halten Millionen deutsche Haushalte ihrem Versorger die Treue. Entsprechend leicht fällt es Anbietern, die Preise anzuheben: Die Begründung, die Energiewende sei so teuer, lässt sich im Einzelnen kaum nachrechnen.

Verbraucherschützer fordern deshalb mehr Transparenz auf der Stromrechnung - und eine entsprechende Gesetzesänderung: "Die Versorger können Preise erhöhen, ohne die Gründe dafür ausreichend zu erklären", kritisiert Frauke Rogalla, Energieexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Für niemanden sei nachvollziehbar, ob die größte Preiserhöhung aller Zeiten überhaupt gerechtfertigt sei. Das Energiewirtschaftsgesetz müsse künftig sicherstellen, dass die Stromanbieter ihre Beschaffungs- und Vertriebskosten offenlegen. Nur so ließen sich Preiserhöhungen ordentlich rechtfertigen.

SZ-Grafik zu "Märchen vom Ökostrom", Wirtschaft 3 am 7.11.2012