Streik bei der Deutschen Bahn Irres Verständnis für die Lokführer

Streik bei der Bahn: Ein Regionalexpress passiert einen geschlossenen Bahnübergang.

(Foto: dpa)

Die Mehrheit der Bürger zeigt Verständnis für einen Streik der Lokführer. Dabei verstehen sie nicht, dass es in dem Konflikt bisher nur um Macht ging. Die Lokführergewerkschaft GDL will ihren Einfluss ausweiten - und ignoriert die möglichen Folgen.

Kommentar von Daniela Kuhr, Berlin

Wenige Tage ist es her, dass eine repräsentative Umfrage ergab: Die Mehrheit der Bürger zeigt Verständnis für einen Streik der Lokführer. Am Dienstagmorgen bestätigte sich das noch einmal. Kaum war bekannt, dass die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) von Dienstagabend bis Mittwochfrüh zum Streik aufrief, zogen Fernsehreporter los und befragten Pendler. Die Antwort lautete fast immer: Lokführer hätten einen anstrengenden Job. Es sei ihr gutes Recht, mehr Lohn zu fordern. Die Bahn solle sich nicht so haben. Irre.

Warum das irre ist? Weil es in den Tarifverhandlungen zwischen der GDL und der Bahn bislang überhaupt noch nicht um inhaltliche Forderungen ging. Es ist nicht etwa so, dass die Lokführer mehr Geld fordern und die Bahn ihnen das verweigert. Die Reisenden zeigen Verständnis für einen Streik, den sie nicht einmal ansatzweise durchdrungen haben. Erklären lässt sich das allenfalls mit dem Nostalgiefaktor, von dem dieser Berufsstand wohl immer noch profitiert.

Jedes Kind liebt Lukas, den Lokomotivführer, und viele Jungs träumen eine Zeit lang davon, selbst einmal Lokführer zu werden. Umgekehrt gilt die Bahn vielen Deutschen als ein Unternehmen, das nur auf Rendite aus ist. Da passt wunderbar ins Bild, wenn dieses Unternehmen seinen Angestellten faire Lohnerhöhungen verweigert. Ein Hoch auf die Vorurteile!

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So selbstbewusst muss man erstmal sein

Sie zu pflegen, fällt jedoch schwer, wenn man sich die Entwicklung der vergangenen Jahre ansieht: Seit 2007 haben sich die tariflichen Leistungen für Lokführer um knapp 25 Prozent erhöht. Es gibt eine Menge Arbeitgeber, die weit dahinter zurückbleiben. Jetzt fordert die GDL erneut fünf Prozent mehr Lohn, dazu noch eine um zwei Stunden reduzierte Wochenarbeitszeit sowie Verbesserungen bei den Schichten. Laut Bahn entspricht das alles in allem einem weiteren Plus von 15 Prozent. So selbstbewusst muss eine Berufsgruppe erst einmal sein. Doch wie gesagt: Noch haben die Tarifparteien über Inhalte gar nicht verhandelt. Noch ging es allein um Machtfragen.

Anders als in der Vergangenheit will sich die GDL nicht länger darauf beschränken, die Berufsgruppe der Lokführer zu vertreten, sondern will auch für Zugbegleiter und Bordgastronomen verhandeln. Die aber wurden bislang von der weitaus größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG vertreten, die das auch weiter so handhaben will. Die Bahn steht somit vor dem Problem, dass sie nicht weiß, mit welcher Gewerkschaft sie über welche Berufsgruppe verhandeln soll. Die GDL meint: einfach mit beiden Gewerkschaften zwei unterschiedliche Tarifverträge aushandeln. Die Angestellten könnten dann jeder für sich wählen, welcher für sie gelten solle.

Die Bahn hat lange den Fehler gemacht, die GDL nicht ernst zu nehmen

Das aber würde bedeuten, dass innerhalb einer Berufsgruppe unterschiedliche Regelungen zu Wochenarbeitszeiten, Schichtlängen, Altersvorsorge und womöglich auch zum Gehalt denkbar wären. Das würde es nicht nur dem Arbeitgeber extrem schwer machen, auch die Belegschaft kann sich eine solche Spaltung nicht wünschen. Neid und das ständige Gefühl, dass der Kollege besser wegkommt als man selbst, wären die Folge. Solche Einwände ignoriert die GDL bislang beharrlich - was leider den Eindruck verstärkt, dass es ihr bei diesem Tarifkonflikt weniger darum geht, ein möglichst gutes Ergebnis für ihre Mitglieder zu erzielen, als vielmehr darum, den eigenen Einflussbereich auszuweiten.

Vor einigen Jahren noch hat die Bahn den Fehler gemacht, die GDL nicht ernst zu nehmen - was im Tarifkonflikt 2007/2008 zur Folge hatte, dass die Lokführer den Bahnverkehr tagelang lahmlegten. Daraus hat der Konzern jedoch gelernt. Personalvorstand Ulrich Weber ist der Gewerkschaft in den vergangenen Monaten wieder und wieder entgegengekommen. Er hat ihr versichert, dass er mit ihr selbst dann weiter über die Lokführer verhandelt, wenn der Gesetzgeber beschließen sollte, kleine Spartengewerkschaften zu entmachten. Zudem ist Weber bereit, auch über jede andere Berufsgruppe mit der GDL zu verhandeln - sofern man sich nur auf eine Vorgehensweise verständigt, die verhindert, dass am Ende für ein und dieselbe Berufsgruppe unterschiedliche Regeln gelten. Doch auf keines dieser Angebote ist die GDL eingegangen.

Stattdessen streikt sie lieber - und schadet nicht nur der Bahn, sondern auch den Fahrgästen. Mal sehen, wie lange die dafür noch Verständnis haben.