Steuertricks des Versicherers AIG Vom Staat gerettet, den Staat geprellt

In der Finanzkrise musste AIG mehrfach vom amerikanischen Staat gertettet werden. Trotzdem schleuste das Management Millionen an Steuereinnahmen am US-Fiskus vorbei.

(Foto: REUTERS)
  • Die Luxemburg-Leaks-Akten zeigen, wie der Versicherer AIG durch komplizierte Finanzkonstrukte Geld am US-Fiskus vorbeigeschleust hat - obwohl er erst kurz zuvor durch Steuer-Milliarden gerettet worden war.
  • Den amerikanischen Behörden könnten so Einnahmen in Millionenhöhe entgangen sein.
  • Unter anderem steckte die einstmals weltgrößte Assekuranz große Summen in ein Bauprojekt in Hamburg.
Von Christoph Giesen und Benedikt Strunz, München/Hamburg

Es war die teuerste Firmenrettung der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Einen Tag nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers gewährte die US-Notenbank der American International Group (AIG) einen Kredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar. Die damals größte Versicherung der Welt hatte sich verspekuliert und musste quasi über Nacht etliche Milliarden abschreiben. AIG stand kurz vor der Insolvenz und mit ihr drohte das ganze Bankensystem in den Abgrund zu stürzen. Als "die gefährlichste Firma der Welt" bezeichnete der Spiegel das Unternehmen damals treffend. Doch die 85 Milliarden reichten nicht aus. Immer wieder musste AIG 2008 und 2009 um neue Hilfskredite betteln. Insgesamt flossen 182 Milliarden Dollar Steuergeld. Aus der einst umsatzstärksten Versicherung der Welt war einer der größten Staatskonzerne geworden. Zeitweilig kontrollierte der Staat über 92 Prozent der Anteile.

Wie die Luxemburg-Leaks-Akten nun zeigen, hielten diese deutlichen Mehrheitsverhältnisse das Management nicht davon ab, in den Krisenjahren fragwürdige Steuersparkonstrukte in Europa aufzusetzen, die den amerikanischen Steuerzahler etliche Millionen gekostet haben könnten.

Weit verzweigte Immobilien-Deals - auch in Deutschland

Nur wenige Tage, bevor der Konzern einen erneuten Milliardenverlust gekannt geben musste, wandten sich im Februar 2009 die Steuerberater von AIG an die Luxemburger Finanzverwaltung, um eine aufwendige Konstruktion absegnen zu lassen. In einem Schreiben ließ Pricewaterhouse-Coopers (PwC) die Behörden wissen, dass der Konzern Millionen in europäische Grundstücke steckt. AIG ging es dabei aber keineswegs um direkte Investments, vielmehr wurden etliche Tochtergesellschaften in Luxemburg gegründet. Um sie herum: ein weitverzweigtes Firmennetz in Europa.

Via Luxemburg kaufte sich AIG ein, überall. In Belgien zum Beispiel, in Lettland, Finnland oder auch in Hamburg. Dort investierte der Konzern in den alten Güterbahnhof in Winterhude. Ein ganzes Viertel mit 850 Wohnungen wurde hochgezogen. Obwohl die ersten Mieter bereits vor einem Jahr in die Designerhäuser eingezogen sind, geht es auf dem knapp 50 000 Quadratmeter großen Gelände noch immer hektisch zu. Lastwagen versperren die Straße, Maurer sägen Kacheln.

Laut den Luxemburg-Dokumenten hat AIG allein in das Hamburger Quartier mehr als 38 Millionen Euro investiert. Die Entwicklung des Geländes soll mehr als 350 Millionen Euro gekostet haben. Heute hat AIG fast alle Grundstücke verkauft. Nur ein Gebäude gehört dem Konzern noch.

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Mini-Steuern in Luxemburg, keine Steuern in den USA

Auch steuerlich dürften sich die Deals für AIG gelohnt haben. Breitflächig setzte der Konzern sogenannte "Profit Participating Loans" ein, sie werden in den Akten bloß als PPLs abgekürzt. Auf Deutsch heißen diese Finanzinstrumente - ähnlich sperrig - "partiarische Darlehen". Es handelt sich dabei um Hybridschulden, bei denen sich die Zinsen eines Kredits am Erfolg eines Unternehmens bemessen. Verdient eine zuvor mit einem PPL finanzierte Firma prächtig, steigen auch die Zinsen.

Im Kern funktioniert das so: Ein zwischengeschalteter Fonds in Luxemburg vergibt üppig verzinste Darlehen für Immobilienprojekte überall in Europa. Diese Zinsen müssen umgehend bedient werden. Das schmälert die Steuerlast in den Ländern, in denen die Immobilien stehen.

Die Zinsen wiederum müssten eigentlich in Luxemburg versteuert werden. Doch nun greift der PPL, mit dem der Luxemburger Fonds zuvor finanziert wurde. Die Gewinne aus den Zinszahlungen werden automatisch weitergereicht, im Großherzogtum bleibt kaum etwas zum Versteuern übrig. Im Fall von AIG einigte sich der Konzern mit den Behörden auf eine minimale Besteuerung. 0,125 bis 0,25 Prozent der Zinseinnahmen wurden mit dem gängigen Satz von knapp 30 Prozent versteuert.

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Für AIG dürften die Hybridschulden noch einen weiteren Vorteil haben: Da Luxemburg und die Vereinigten Staaten Hybridschulden steuerrechtlich unterschiedlich bewerten, fallen in den USA darauf keine Unternehmenssteuern an. Fachleute gehen davon aus, dass bei der Rückführung die Unternehmenssteuer umgangen worden sein könnte.

Sie liegt immerhin bei 35 Prozent.

Alles legal, sagt AIG

Dem amerikanischen Fiskus, der die Versicherung gerade noch gerettet hatte, könnten bei dem Deal also etliche Millionen Dollar entgangen sein.

Ein AIG-Sprecher teilte dazu auf Anfrage von NDR, WDR und SZ lediglich mit, dass die Finanzgeschäfte in Luxemburg weder gegen amerikanisches noch gegen ausländisches Recht verstießen. Zudem hätten die aufgesetzten Konstrukte nicht dazu geführt, dass AIG seine amerikanischen Steuerverpflichtungen reduziert habe. Das amerikanische Finanzministerium äußerte sich nicht auf Anfrage.

Abkehr Die Luxemburger Regierung will nach Worten von Außenminister Jean Asselborn nicht mehr mit Unternehmen zusammenarbeiten, die Steuern vermeiden wollen. "Luxemburg darf kein Ort sein, der Firmen willkommen heißt, die keine Steuern zahlen wollen", sagte Asselborn dem Spiegel. Für "solche Tricksereien" stehe das Land "nicht mehr zur Verfügung". Die jüngsten Enthüllungen über Steuersparmodelle für ausländische Unternehmen nannte der Minister einen "Schlag, der den Ruf Luxemburgs hart trifft". SZ