Stationärer Handel Inszenieren, um zu überleben

"Einkaufswelten inszenieren, Shoppingerlebnisse schaffen": Stationäre Läden suchen nach Möglichkeiten, dem Online-Handel zu begegnen.

Smartphones und Apps haben die Spielregeln im Handel radikal verändert. Mehr Service reicht oft nicht aus, um Verbraucher in Läden zu locken. Stationäre Händler versuchen, den Anschluss nicht zu verpassen - und rüsten technisch auf.

Von Stefan Weber

Das Haus mit der Nummer 88 in der Krefelder Hochstraße ist ein schmucker zweigeschossiger Bau. In der Mitte ein stattliches Eingangsportal, rechts und links flankiert von kleinen Schaufenstern. Viele Jahre hatte ein Juwelier die Immobilie genutzt. Zum Jahresende schloss er seinen Betrieb, und die Eigentümerin verkaufte das Gebäude an einen Investor. Der will nun das Haus abreißen und durch einen modernen Bau mit Glasfassade ersetzen. Seitdem tobt ein Streit über die Zukunft der Immobilie in bester Citylage.

So wie in Krefeld geht es derzeit in vielen deutschen Städten zu. Eigentümer von Handelsimmobilien und Ladenbetreiber bauen um. Der Grund dafür? Die Verbraucher ändern mehr und mehr ihr Einkaufsverhalten. Immer häufiger ordern sie per PC, Tablet oder Smartphone anstatt im Laden zu kaufen. Im vergangenen Jahr gaben sie deutlich mehr als 30 Milliarden Euro im Netz aus. Im Durchschnitt aller Branchen machen Online-Shops heute bereits einen Marktanteil von etwa neun Prozent aus.

"Einkaufswelten inszenieren, Shoppingerlebnisse schaffen"

In einzelnen Warengruppen wie der Unterhaltungselektronik, bei Büchern, Medien und auch Spielwaren wird jedoch schon jeder vierte Euro im Internet umgesetzt. Tendenz: stark steigend. Kann der stationäre Handel die Rivalen Amazon, Zalando und Co. noch auf Distanz halten? Ein Mehr an Service und Beratung wird nicht ausreichen, um gegen die Konkurrenz aus dem Netz zu punkten. "Wichtig ist, Einkaufswelten zu inszenieren und Shoppingerlebnisse zu schaffen", sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI Retail Institute in Köln. Der Verbraucher von morgen brauche zusätzliche Anreize, ein Geschäft zu betreten und dort auch einzukaufen. Ladenbauer und Marketingexperten sind überzeugt, dass der Technik dabei eine große Rolle zukommt.

Das beginnt bereits, bevor der Kunde den Laden betreten hat. Dank Geolokalisierung können Händler Verbrauchern Informationen und Angebote auf ihr Handy schicken, sobald sie in die Nähe ihres Geschäfts kommen. Haben sie die Schwelle übertreten, geht es weiter: Kleine, billige Sender, die dem Standard Bluetooth Low Energy entsprechen, funken Werbebotschaften oder Coupons an alle Kunden, die eine entsprechende App - also ein kleines Programm - auf ihrem Smartphone aktiviert haben.

Oder an das iPad, das am Einkaufswagen montiert werden kann. Als erste große Firma hatte Apple das Potenzial dieser neuen Technik erkannt und im Dezember vergangenen Jahres alle seine Läden in den USA mit solchen Sendern, genannt iBeacons, ausgestattet. Das Interesse an dieser Nahfunk-Technik sei riesengroß, hieß es kürzlich auf der Fachmesse Euroshop in Düsseldorf. Im Monatsrhythmus kündigen derzeit Start-ups Pilotprojekte an, auch auf dem Mobile World Congress vergangene Woche in Barcelona war es ein großes Thema.