SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück Genosse der Bosse

Es gibt kaum einen Politiker, der in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft so bekannt, aber auch beliebt ist wie Peer Steinbrück. Viele Firmen hoffen auf den Ökonomen. Bei anderen ist er nicht so beliebt: Kritiker monieren, dass Steinbrück mit Vorträgen viel Geld verdient habe - und fordern, dass der SPD-Kanzlerkandidat endlich Transparenz schafft.

Von Christoph Giesen und Hans-Jürgen Jakobs

Der Mann liebt das Gewinnen. Jahrelang war er Fan von Borussia Mönchengladbach, doch nach ganz oben schaffte es der Fußballklub nicht. Also wechselte Peer Steinbrück, 65, das Trikot und favorisiert nun Borussia Dortmund (BVB), den Meister der Jahre 2011 und 2012. Der Sozialdemokrat sitzt seit November 2010 sogar bei der börsennotierten Kickerfirma im Aufsichtsrat. Gefragt sind die ökonomischen Kenntnisse des einstigen Bundesfinanzministers, weniger seine Anmerkungen zur Doppel-Sechs.

Seine Wirtschaftsexpertise brachte den Politiker am 21. Januar 2010 auch in den Aufsichtsrat des größten deutschen Stahlkonzerns Thyssen-Krupp. Der langjährige Firmenpatron Berthold Beitz habe ihn nach Essen geholt, erzählen Vertraute.

Und auch bei der Stiftung rund um das Hamburger Wochenblatt Die Zeit wirkt Steinbrück. Wie Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt, Kanzler von 1974 bis 1982, gilt der neue Kanzlerkandidat der SPD als Mann der Wirtschaft. Als einer, der die Nöte von Unternehmern und Managern versteht, der ein Ohr für Bitten hat, und der ein straffes Management bevorzugt. Eher Zauberer als Zauderer also, was den Diplom-Volkswirt in den Augen seiner Befürworter aus der Wirtschaft positiv von der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel (CDU) abhebt, einer promovierten Physikerin.

Wie einst bei Helmut Schmidt

Und wie einst bei Helmut Schmidt wird es manche geben, die zwar den Kandidaten gerne wählen möchten, die Partei aber nicht. Mit Schmidt zusammen hat Steinbrück im Gesprächsbuch "Zug um Zug" auch über die Euro-Krise und Griechenland geplaudert, wobei der Kandidat äußerte, die Europäische Zentralbank müsse "von der Belastung ihrer Bilanz mit Staatsanleihe befreit werden".

Peer Steinbrück - ein Mann zwischen Marktwirtschaft und Moralapostelei, zwischen dem Pragmatismus des Bruttoinlandsprodukts und der sozialistisch angehauchten Ideenlehre. Er hat sich in dem Konflikt so geholfen, dass er mit einem Bankenreformplan ("Ein neuer Anlauf zur Bändigung der Finanzmärkte") die Linken umgarnt, während er bei den anderen auf das Vertrauen aus der Vergangenheit und die Kraft der Kontakte baut.

Sparkassen, Stiftungen oder Firmen

Es gibt kaum einen Politiker, der in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft so bekannt, auch beliebt ist wie Steinbrück. Das liegt vermutlich zum Teil daran, dass der SPD-Mann und Buchautor ("Unterm Strich") in den vergangenen Jahren sehr eifrig auf Tour durch Deutschland war. Egal, ob für Sparkassen, Stiftungen oder Firmen: Er füllte die Säle, gab zuweilen gallige Bonmots von sich und besserte das Einkommen auf. Was Gerhard Schröder erst nach Ende seiner Amtszeit gelang, schaffte Steinbrück noch während seiner Zeit als Bundestagabgeordneter.

Einer, der seinen Marktwert kennt und der ihn auch "kapitalisiert", wie das so schön heißt - so einer findet Respekt bei Unternehmern und leitenden Angestellten. Viel Wohlwollen war auch bei Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, 64, in der ARD-Talkshow von Günther Jauch zu spüren: Ja, er teile Steinbrücks Meinung, "dass wir auf europäischer Ebene einen Restrukturierungsfonds benötigen, um Banken auch grenzüberschreitend abzuwickeln", sagte der Schweizer. Zusammen haben sie im Herbst 2008, im Verbund mit dem damaligen Bundesbank-Präsident Axel Weber, die Tsunami-Folgen der Finanzkrise nach dem Crash der US-Investmentbank Lehman bewältigt. "Das Weltfinanzsystem stand kurz vor der Kernschmelze", bekannte Steinbrück.