Schmutzige Energie Zu viel Kohle, zu viel Gift

Das Braunkohle-Kraftwerk Schwarze Pumpe des Konzerns Vattenfall in Brandenburg

(Foto: Bloomberg)

Die Internationale Energieagentur schlägt Alarm: Die Welt wird immer abhängiger vom Klimakiller Kohle. Experten geben auch Deutschland die Schuld.

Von Markus Balser, Berlin

Es sind jene kilometerlangen Güterzüge aus den Kohleprovinzen Nordchinas, die für einen nicht enden wollenden Boom stehen. Ihr Ziel: Metropolen wie Peking oder Shanghai im Osten des Landes. Ihre Fracht: Kohle aus Tausenden Minen des Landes - ein Rohstoff, der die Wirtschaft Chinas antreibt wie kein anderer. Fast jede Woche nimmt noch immer irgendwo im Land ein neuer Kohlemeiler die Stromproduktion auf, um den wachsenden Energiebedarf der aufstrebenden Wirtschaftsmacht zu stillen. Ausgerechnet die klimaschädlichste fossile Ressource erlebt derzeit ein erstaunliches Comeback - weltweit.

Nun schlagen Experten Alarm. Denn einer neuen Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge wächst ihre Bedeutung in bedrohliche Dimensionen. Das Wachstum von Kohle in der Stromproduktion sei seit 2010 deutlich größer als das grüner Energien, sagt IEA-Chefin Maria van der Hoeven der Süddeutschen Zeitung. Eine Nachricht, die als schwerer Rückschlag im Kampf gegen die Erderwärmung gilt. Denn Kohle ist der Klimakiller Nummer eins. "Die Welt ist auf dem falschen Weg", warnt van der Hoeven.

Allein in den vergangenen zehn Jahren war die weltweite Förderung fast unbemerkt von der Öffentlichkeit um knapp 60 Prozent gewachsen. Die Nachfrage nach Kohle stieg damit fast doppelt so stark an wie die nach Erdgas und viermal so stark wie die nach Erdöl. Für die Internationale Energieagentur ein Trend, der sich fortsetzt und der die Welt in den kommenden Jahren teuer zu stehen kommen wird. Denn das Ziel, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen, wird immer kostspieliger.

Braunkohle boomt wie seit 1990 nicht mehr

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Nach neuen Untersuchungen beziffert die IEA die Kosten des nötigen Klimaschutzes im Energiesystem bis 2050 mit rund 44 Billionen Dollar (32 Billionen Euro). Eine Summe, die mit jedem ungenutzten Jahr rasant steigt. Sie fällt bereits um 22 Prozent höher aus als noch im jüngsten Bericht der Organisation vor zwei Jahren. Das Urteil van der Hoevens über die Klimapolitik der Mitgliedsländer fällt entsprechend vernichtend aus: "Die Kosten steigen, weil die Fortschritte beim Reduzieren der Emissionen derzeit nur eins sind: trostlos", sagt van der Hoeven.

Der Ärger der Experten richtet sich aber nicht nur gegen den rapiden Anstieg der Stromquelle Kohle in Schwellenländern wie China oder Indien. Auch die Bundesregierung kommt nicht gut weg. Ausdrücklich beklagt die IEA in ihrem globalen Bericht auch die Renaissance der Kohle im Energiewendeland Nummer eins: "Deutschland ist kein Vorbild", sagt IEA-Chefin van der Hoeven. Die Internationale Energieagentur ist eine der wichtigsten und einflussreichsten Institutionen der internationalen Energiepolitik. Der Agentur mit Sitz in Paris gehören 28 Industriestaaten an, darunter die USA, die meisten EU-Staaten, Japan, Australien und Südkorea.

Die Organisation legt damit den Finger in die Wunde der deutschen Energie- und Klimapolitik. Denn der Treibhausgasausstoß in Deutschland war nach Jahren des Rückgangs zuletzt plötzlich wieder angestiegen, weil vor allem Kohlekraftwerke von der Energiewende profitierten. Kohlemeiler stehen für rund die Hälfte des deutschen Stroms. Und eine Wende ist nicht in Sicht. Sowohl im nordrhein-westfälischen Tagebau Garzweiler des Energiekonzerns RWE als auch im ostdeutschen Revier von Vattenfall sollen in den nächsten Jahren ganze Dörfer einem Ausbau der Tagebaue weichen.

Das Bundesumweltministerium drängt zwar auf mehr Klimaschutz in der Energiebranche und erhöht den Druck auf Kraftwerksbetreiber. Die Branche spiele eine Schlüsselrolle, um das Ziel einer Kürzung der Treibhausgase um 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 doch noch zu erreichen, heißt es in einem Strategiepapier des Berliner Ministeriums. Doch die Pläne der Energiekonzerne stoppt die Politik bislang nicht.