Preissteigerung Warum so viele die Inflation überschätzen

Viele Verbraucher achten mehr auf Preiserhöhungen als auf Preissenkungen.

(Foto: REUTERS)
  • Die Verbraucherpreise sind in Deutschland in den letzten Jahren durchschnittlich um 1,8 Prozent gestiegen.
  • Die Verbraucher haben eine andere Wahrnehmung. Ihre gefühlte Inflation liegt bei 6,6 Prozent.
  • Das liegt unter anderem daran, dass sie steigende Preise viel stärker wahrnehmen als fallende.
Von Benedikt Müller

Zugegeben, es ist eine schwierige Frage: Wie viel teurer lebt es sich heute als noch vor einem Jahr? Für eine korrekte Antwort müsste man akribisch Buch führen, müsste nachschlagen, wie viel das Kilo Kartoffeln dereinst kostete, wie teuer man tankte, wie hoch der Strompreis war. Und dann müsste man alle Preisänderungen in eine einzige Prozentzahl gießen: die persönlich wahrgenommene Inflationsrate. Doch genau diesen Wert lässt die Europäische Kommission seit Jahren stichprobenartig abfragen - mit verblüffenden Ergebnissen, wie nun eine Auswertung der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt.

Demnach haben Verbraucher zwar ein intaktes Gespür dafür, ob Preise gerade eher schnell oder eher langsam steigen. Doch sie überschätzen die Inflation drastisch. So sind die Verbraucherpreise in Deutschland von 2004 bis 2015 nach Wahrnehmung der Befragten im Schnitt um 6,6 Prozent pro Jahr gestiegen. Laut offizieller Statistik lag die Inflation in dem Zeitraum im Mittel aber nur bei 1,8 Prozent. Diese amtliche Zahl beruht auf den Daten Tausender Testkäufer bundesweit, gewichtet anhand eines repräsentativen Warenkorbs.

In Krisenstaaten wie Italien oder Griechenland werde die Inflation noch stärker überschätzt, schreiben die Forscher, die nun vor einem Rätsel stehen: "Die Gründe für die Unterschiede sind bisher nicht ausreichend verstanden worden", gestehen sie.

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Eine Erklärung liefern Verhaltensforscher wie Wändi Bruine de Bruin, Professorin der Universität Leeds: "Konsumenten achten eher auf Preiserhöhungen als auf Preissenkungen." Kostet die Kugel Eis 20 Cent mehr als im Vorjahr, empört sich die halbe Stadt. Wird hingegen die Packung Seife günstiger, bemerkt das kaum jemand. Große und wiederholte Preissprünge fielen besonders ins Auge, so Bruine de Bruin.

Hinzu kommt, dass der repräsentative Warenkorb nicht jedermann repräsentiert. So fließen etwa Ausgaben für Autos und Tanken zu elf Prozent in die offizielle Statistik ein, Preise von Fleisch oder Tabak zu je zwei Prozent. Wer kein Auto fährt, kein Fleisch isst und nicht raucht, mag die Inflation somit anders wahrnehmen als die Behörden. Diese berücksichtigen zudem Qualitätsänderungen: Sind in der Kekspackung zwei Kekse mehr zum selben Preis enthalten, oder bietet der neue Computer mehr Rechenleistung als gleich teure Altmodelle, wirkt das in der amtlichen Statistik wie eine Preissenkung. Der Verbraucher hingegen gibt genauso viel Geld aus.

Vor allem dieses "Out of pocket"-Denken lässt Menschen die Inflation überschätzen: Sie haben alltägliche Ausgaben aus ihrem Geldbeutel vor Auge, während die offizielle Inflationsstatistik etwa auch Versicherungen, Möbel oder Elektrogeräte einrechnet - samt deren technischem Fortschritt. Die Behörde Eurostat erhebt eigens einen Preisindex von häufigen "Out of pocket"-Gütern: Dieser ist in den vergangenen Jahren tatsächlich stärker gestiegen als der gesamte Verbraucherpreisindex.

In Krisenzeiten überschätzten Verbraucher die Inflation besonders stark, schreiben die Forscher: Wenn das Geld knapp ist, fallen Preiserhöhungen besonders auf. Folglich nehmen sehr gebildete und vermögende Menschen die Inflation nicht so drastisch wahr.

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