Plastik im Ozean Plastik unter Palmen

(Foto: Volker Kißling)

Paradiesisch? Von wegen. In den Ozeanen sammeln sich gewaltige Mengen Müll. Der Abfall verändert die Natur nachhaltig. Wir wollten von Seglern wissen, was sie gesehen haben. Und von Forschern, was sie davon halten.

Von Hans von der Hagen

18°54'41.04" nördliche Breite und 155°40'47.69" westliche Länge. Big Island, Hawaii. Das Meer spuckt Plastik. Pausenlos landen winzige Teilchen zwischen den Felsen. Bunte, weiße, eckige, runde - alles.

Sie mögen einmal in einer Fabrik als Kanister oder Flasche, als Tisch oder Stuhl, Becher oder Gabel ihr Dasein begonnen haben. Vielleicht gelangten sie später in Australien als Müll ins Meer oder wurden beim Tsunami in Japan ins Wasser gespült. Plastik im Ozean - bei diesem Thema gibt es viele Vielleichts.

Auf welche Produkte aus Plastik können Sie im Alltag gut verzichten?

Trotz Recycling verschmutzt immer mehr Plastikmüll die Umwelt. Jeder Einzelne kann etwas dagegen tun. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

7600 Kilometer weiter westwärts in der Südsee. Palau, ein winziges Eiland in Mikronesien. Es wäre natürlich schön gewesen, wenn Segler Volker Kißling am Telefon nur Banales erzählen würde. Dass im Wasser der Südsee einen höchstens die Seegurken irritieren, die Strände verlockend und die Palmen natürlich ein Traum sind. Solche Sachen. Doch der frühere BMW-Manager, der seit neun Jahren durch die Ozeane kreuzt, berichtet hässliche Dinge aus der Gegend, die andere Paradies nennen.

Er sollte ja auch schildern, was man als Segler sieht. Wie das so ist, mit dem Plastik in den Weltmeeren, von dem viel zu lesen ist. So viel, dass der Eindruck entsteht, mitunter sei im Pazifik die Wasseroberfläche angesichts eines dichten Teppichs an Kunststoffteilen nicht mehr zu erkennen.

Auf dem Wasser hat Kißling solche Teppiche nicht entdeckt. Andererseits gebe es, wenn das Meer ruhig sei, auch kaum einen Moment, in dem kein Müll zu sehen sei. An manchen Orten greife man im Wasser so oft in eine Tüte wie in der Nordsee in eine Qualle. Und überall würden winzige Plastikpartikel schwimmen, "als habe einer Konfetti ins Wasser gestreut".

Plötzlich wird Kißling, der am Telefon alles so ruhig schildert, lauter, fast aufgebracht: "Die Inseln Mikronesiens seien gemessen an der riesigen Wasserfläche des Pazifiks doch klein wie Stecknadelköpfe und oft kaum bewohnt. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Treibgut dorthin gelangt, ist so gering. Aber die Strände, die sind nicht weiß, die sind bunt, durchsetzt von feingemahlen Plastikpartikeln." An manchen Küsten sehe man gar keinen Sand mehr, keine Steine, gar nichts. "Man watet durch Plastikmüll. Überall. Das kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen."

Plastik-Konfetti auf der Hawaii-Insel Big Island, zwischen South Point und Green Beach.

(Foto: Susanne Tölzel)

Oh Panama

Zurück nach Hawaii. Big Island. Auf einem Tresen des Erlebnismuseums Mokupāpapa Discovery Center steht ein Bonbonglas, voll mit buntem Zeugs: Konfetti aus Plastik. Susanne Tölzel, die wie Kißling aus Deutschland stammt und seit drei Jahren durch die Ozeane segelt, fragt, woher das sei. Ein Mitarbeiter sagt ihr: zwischen South Point und Green Beach. 130 Kilometer entfernt. Nach South Point kommen die Touristen, es ist der südlichste Punkt der USA. Vom Konfetti sehen sie dort allerdings nichts, das spuckt das Meer erst ein paar Hundert Meter weiter aus. 18°54'41.04" Nord und 155°40'47.69" West eben.

Aber Tölzel, die von dieser Begebenheit berichtet, erzählt noch viel mehr. Etwa von den unbewohnten Inseln Guna Yalas, die zu einem Archipel aus rund 360 winzigen Inseln vor Panama gehören. Dort sammelte sie Müll: "Einen großen blauen Sack haben wir in kaum 15 Minuten randvoll gemacht und uns dabei nur wenige Meter am Strand bewegt." Der Passatwind drücke das ganze Frühjahr hindurch ungeheure Wassermassen von Ost nach West und sorge so dafür, dass der ganze Dreck der Karibik letztlich an Panamas Nordostküste landet - mit den vielen Inseln als erstem großen Filter.

Palau, Hawaii oder Panama - der Müll ist in unterschiedlicher Form allgegenwärtig. Plastikteppiche hat allerdings auch Tölzel nicht gesehen. Der Ozean sei an vielen Stellen eher mit einer dünnen Plastiksuppe zu vergleichen. Tölzel sagt aber auch: "Wir Segler sind hier nur wie Mikroben, die lediglich einen winzigen Ausschnitt des Ozeans sehen."

Das ganze Bild für Sie Umwelt, Gesundheit und Müll
http://media-cdn.sueddeutsche.de/globalassets/img/unsprited/placeholder.png

Billig. Vielseitig. Haltbar. Plastik hat sich über alle Welt verbreitet - mit Folgen: Es ist selbst in entlegensten Weltregionen allgegenwärtig, und seine Haltbarkeit ist zum Fluch geworden.

360° - Die Reihe auf SZ.de erzählt Geschichten, die im Nachrichtenalltag oft untergehen, und nähert sich ihnen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Aufgerüttelt hatte die Öffentlichkeit einst Charles Moore, der 1997 beschrieb, was zehn Jahre zuvor schon die National Oceanic and Atmospheric Administration in den USA prognostiziert hatte: Dass sich enorme Mengen von Plastik vor allem in den großen ozeanischen Wirbeln ansammelten, den sogenannten Gyren. Aus nautischer Sicht sind das eher riesige langweilige Gebiete, in denen das Wasser langsam zirkuliert und die je nach Saison oft windarm sind. Segler meiden sie darum und große Schiffe kommen dort eh selten vorbei. So erklärt sich, warum der Müll in diesen Regionen lange Zeit kaum beachtet wurde.