Online-Händler Amazon testet eigenen Lieferdienst

Amazon liefert schon Lebensmittel mit eigenen LKW, nun startet ein Lieferservice für alle Produkte in den USA

(Foto: AFP)

Der Onlinehändler Amazon will Pakete noch schneller zum Kunden bringen - und deswegen selbst in das Logistikgeschäft einsteigen. In den USA fahren bereits erste eigene LKWs Bestellungen aus.

Von Lillian Siewert

Neben dem Candlestick Park in San Francisco herrscht reger Betrieb. Grund dafür ist nicht etwa ein Sportereignis, sondern der tägliche Einkauf im Internet. Nahe dem kürzlich geschlossenen Stadion testet Amazon ein eigenes Liefernetzwerk. Zum ersten Mal überhaupt. Dicht an dicht reihen sich die leuchtend grüne Trucks. Anhängerladungen von Paketen verschwinden in ihren Laderäumen. Die Einwohner der Stadt sollen so bequem und schnell beliefert werden.

Ein Bild, an das sich die Bewohner San Franciscos gewöhnen können. Der Onlinehändler wolle künftig einen eigenen Zustelldienst in den USA aufbauen, berichtet das Wall Street Journal. Damit würde der Online-Händler den Weg vom örtlichen Verteilzentrum zum Endkunden selbst übernehmen - und könnte die Lieferzeiten so noch besser kontrollieren. Neben San Francisco werden die ersten Pakete bereits in Los Angeles und New York von unternehmenseigenen Trucks ausgefahren.

Nach Recherchen des Wall Street Journal prüft Amazon derzeit einen Mietvertrag für einen Lkw-Fuhrpark auf Treasure Island, einer künstlich aufgeschütteten Insel in der Bucht von San Francisco. Von dort aus könne der Konzern auch zu früher und später Stunde Kunden in der Umgebung beliefern.

Reaktion auf steigende Versandkosten und Lieferengpässe

Den Großteil der Amazon-Pakete stellen bislang private Logistikunternehmen und die US-Post zu. Planungen für ein eigenes Liefernetzwerk laufen nach Informationen der Zeitung bereits seit einigen Jahren. Fahrt nahm das Projekt nicht zuletzt aufgrund steigender Versandkosten bei den Logistikpartnern auf. Auch Lieferengpässe im vergangenen Weihnachtsgeschäft trugen zu der Neuerung bei.

Laut dem Bericht sieht Fedex-CEO Fred Smith sein Geschäft nicht gefährdet. Das Unternehmen gehe davon aus, dass die große Mehrheit der Pakete auch weiterhin von Fedex, UPS und der Post zugestellt würden.

Amazon zeigt sich indes zuversichtlich. In einer kürzlich auf der Konzernwebseite veröffentlichen Stellenanzeige heißt es: "Amazon wächst schneller als die Logistiker UPS und Fedex, die für den Versand unserer meisten Pakete verantwortlich sind. Bei diesem Tempo kann sich Amazon nicht weiterhin auf die Lösungen traditioneller Logistikunternehmen verlassen. Andernfalls würden das Wachstum begrenzt, Kosten erhöht und Innovationen im Logistikbereich verhindern". Kühn formuliert der Konzern: "Das Programm wird die Art und Weise der Paketlieferung an Millionen von Kunden revolutionieren".

Erste Testläufe auch in Europa

Auch in Großbritannien führt Amazon erste Tests durch. Bereits im November kündigte Amazon-Vizepräsident Dave Clark an, in London eigene Lkw für Lieferungen am Sonntag zu verwenden. Amazon-Chef Jeff Bezos erklärte in einem Schreiben an die Aktionäre: "Wir haben in Großbritannien unsere eigenen schnellen Zustelldienste auf den letzten Kilometern zum Kunden getestet, wo private Transportunternehmen zu Stoßzeiten nicht mehr hinterherkommen".

Schätzungen des US-Investmentunternehmen Sanford C. Bernstein & Co zufolge wurden 2013 etwa 608 Millionen Amazon-Pakete befördert. 35 Prozent davon deckte die Post ab, ein Drittel transportierte UPS, 17 Prozent Fedex und 18 Prozent regionale Spediteure.

Nach Angaben des Wall Street Journal läuft das unternehmenseigene Liefernetzwerk noch nicht rund - zuletzt seien Paketbestellungen erst mehrere Tage später als angekündigt angekommen. Zudem häuften sich zuletzt Kundenbeschwerden in britischen Onlineforen.

Magere Gewinne trotz steigender Umsätze

Die Investitionsfreude des Onlinehändlers macht sich auch in den Zahlen des Konzerns bemerkbar - der Gewinn fällt trotz kräftigen Wachstums im Vergleich zu anderen Technologieunternehmen eher mager aus. Das geht aus den zuletzt veröffentlichten Geschäftszahlen für das erste Quartal hervor. Der Umsatz sprang im ersten Quartal im Jahresvergleich um 23 Prozent auf 19,74 Milliarden Dollar. Der Gewinn verbesserte sich um knapp 32 Prozent auf 108 Millionen Dollar, wie das Unternehmen am Donnerstag nach US-Börsenschluss mitteilte. Für das laufende Quartal rechnet Amazon allerdings mit einem operativen Verlust zwischen 55 und 455 Millionen Dollar bei einem Umsatzwachstum zwischen 15 und 26 Prozent.