Nach dem Börsengang Anleger lassen Facebook fallen

Auf den spektakulären Börsengang folgt der spektakuläre Absturz: Am ersten Handelstag nach dem Start sackt der Kurs der Facebook-Aktie dramatisch ab - zeitweise um deutlich mehr als 13 Prozent. Mittlerweile liegt das Papier deutlich unter dem Ausgabekurs, und Firmenchef Zuckerberg verliert Milliarden.

Dass die Euphorie sich so schnell in Luft auflöst, hätten wohl nur wenige gedacht. Am zweiten Handelstag nach dem Börsenstart stürzt der Kurs der Facebook-Aktie dramatisch ab. Mit einem Minus von zwischenzeitlich mehr als zwölf Prozent in den ersten Handelsminuten in New York liegt er erstmals auch dort deutlich unter dem Ausgabekurs von 38 Dollar. Die Aktie notierte bei etwa 34 Dollar. Für Anleger wird der spektakulärste Börsengang des Jahres vorerst zum Flop.

Trotz des Hypes und der Werbetour von Firmengründer Mark Zuckerberg stoßen immer mehr Händler die Aktie ab. Schon bevor der Handel an der Nasdaq in New York eröffnete, hatte das Papier des sozialen Netzwerkes am Frankfurter Handelsplatz kurz nach Handelseröffnung deutlich verloren.

Der Kurseinbruch trifft auch Zuckerberg persönlich. Denn der hält den Großteil der Anteile an Facebook. Sein Reichtum ist direkt abhängig vom Börsenkurs. Am Freitag war er zeitweise mehr als 20 Milliarden Dollar schwer, aktuell sind es noch etwa 17 Milliarden Dollar.

Das Vertrauen der Anleger schwindet nun trotz der Euphorie im Vorfeld, für die Technologie-Börse Nasdaq wird das Chaos beim Börsenstart am Freitag ein Nachspiel haben. Der computergesteuerte Handel war vom Start der Facebook-Aktie überfordert.

Anleger wussten teilweise stundenlang nicht, ob ihre Kauforder durchgeführt worden war. Dabei verspricht gerade die rein computergestützt arbeitende Nasdaq superschnelle Abläufe. Einige Order mussten wie in alten Zeiten per Hand ausgefüllt werden, schreibt die New York Times.

Außerdem hatte sich der Start des Börsengangs um etwa eine halbe Stunde verspätet. Das war vor allem peinlich, weil Facebook und die Nasdaq wochenlang die Vorfreude auf die Börsenparty geschürt hatten. Nasdaq-Chef Robert Greifeld war am Freitag persönlich zum Facebook-Firmensitz im kalifornischen Menlo Park gepilgert, um sich öffentlichkeitswirksam neben Firmengründer Zuckerberg zu stellen, als der per Knopfdruck den Handel eröffnete.

Für die Nasdaq ist das Chaos beim Start mehr als unangenehm. Es zeigt die Schwächen des automatisierten Computerhandels mit Aktien, wie er an vielen Börsen herrscht.

Das Computersystem gleicht Käufer und Verkäufer einer Aktie automatisch ab und bringt sie so zusammen. Dieser Abgleich habe bei Ausgabe der Aktien statt wie normalerweise drei Millisekunden fünf Millisekunden gedauert. Weil ungewöhnlich viele Anleger ihre Facebook-Order kündigten oder änderten, wurde die Software in just diesen zwei zusätzlichen Millisekunden mit entsprechenden Anfragen bombardiert, was immer wieder einen Neustart des Systems auslöste. Statt den Handel abzuwickeln war es in einer Endlosschleife gefangen. 20 Minuten brauchten die Nasdaq-Techniker, um den Stau aufzulösen.

Greifeld sagte, dass es vor dem Börsengang intensive Tests gegeben habe. Dabei sei das Problem nicht entdeckt worden. Es gebe aber keine Hinweise, dass der verspätete Beginn zum enttäuschenden Abschneiden der Facebook-Aktien beigetragen habe.

Einige Anleger haben dem Wall Street Journal zufolge wegen des Software-Fehlers Geld verloren. Ihre Verkaufsorder seien am Vormittag im System steckengeblieben. Sie blieben lange ahnungslos, konnten ihre Aktien erst nachmittags verkaufen - zum dann schon deutlich abgesackten Kurs. Die Nasdaq will nun rekonstruieren, wer von ihnen durch das Software-Problem Geld verloren und Anspruch auf Entschädigung hat. Auch die US-Börsenaufsicht SEC hat angekündigt, den Vorfall zu prüfen.

Das Wall Street Journal zitiert David Weild, ein ehemaliges Aufsichtsratsmitglied der Nasdaq. "Diese Märkte sind so schnell und so groß. Man überlässt sie Maschinen, die in Lichtgeschwindigkeit arbeiten, und niemand kann mehr reagieren." Das zerstöre das Vertrauen.

Die Kritik an der Nasdaq ist groß. Greifeld schämte sich öffentlich. "Das war nicht unsere beste Stunde", sagte er vor Journalisten. Dennoch sei der erste Handelstag des sozialen Netzwerks erfolgreich gewesen.

Facebook erreichte zwar den angestrebten Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar, der Preis schoss aber entgegen der Erwartungen vieler nicht weiter in die Höhe.

Mit technischen Fehlern allein dürfte sich der schwache Kursverlauf am ersten Handelstag aber nicht erklären lassen. Beobachter verweisen auch auf die große Zahl von Aktien, die Facebook ausgegeben hatte. Das Angebot sei einfach zu groß gewesen, um den Kurs hochzutreiben. Hinzu kommen alte Zweifel am Geschäftsmodell des Unternehmens, das nach Ansicht vieler Analysten mit personalisierter Werbung zu wenig Gewinn macht. Viele Unternehmen zweifeln auch daran, dass die Anzeigen bei den Nutzern wirken.

Der Börsengang sollte nicht nur Facebook und die begleitende Investmentbanken wie Morgan Stanley - die sogenannten underwriter - gut dastehen lassen.

Für die Nasdaq stand bei der großen Show einiges auf dem Spiel: der gute Ruf der Börsen. Der Softwarefehler bei den Facebook-Aktien erinnert an einen anderen verpatzten Börsengang: Erst im März war der Börsenbetreiber Bats Global Markets aus Kansas selbst an die Nasdaq gegangen. Softwarefehler zum Start ließen den Aktienkurs binnen kurzer Zeit von 16 Dollar auf vier Cent abstürzen. Bats brach den Börsengang ab. Eine Katastrophe, ausgelöst von falschem Vertrauen in den automatisierten Handel.

Auf Facebook selbst beschäftigte der Börsengang die Nutzer weit weniger als noch am Freitag. Für das wesentlich interessantere Gesprächsthema halten sie Priscilla Chans Brautkleid bei ihrer Hochzeit mit Mark Zuckerberg - und die Frage, ob er das Jawort zeitlich nahe an den Börsengang gelegt hat, um sich gegen mögliche erhöhte Scheidungsansprüche abzusichern.

Linktipp: Für das US-Magazin New Yorker hat sich James Surowiecki das Zwei-Klassen-System angesehen, das Mark Zuckerberg errichtet hat: Neue Aktionäre erhalten beim Börsengang Papiere mit weniger Einfluss. So sichert der Firmengründer seine Macht.