Sarkozy gibt nach: Frankreichs Präsident schwenkt auf die Linie der Kanzlerin ein - zu Recht. Denn Merkels Ansatz ist zwar mutig, aber der einzige Weg aus der Krise. Es geht nicht um deutsche Dominanz, sondern um europäische Vernunft.
Angela Merkel folgt dem richtigen Instinkt, wenn sie auf einer klaren Reihenfolge beharrt: Erst müssen die europäischen Verträge geändert werden, dann kann noch tiefer in die Euro-Kiste gegriffen werden, um die Schuldenländer zu retten.
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Andernfalls wäre die eine oder andere Regierung versucht, wieder in finanzpolitischen Schlendrian zu verfallen. Denn es ist genau dieser Schlendrian, der die EU in die erste wirklich existenzgefährdende Krise ihrer Geschichte gebracht hat. Mehr Geld für Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien lässt sich also nur rechtfertigen, wenn es im Gegenzug Garantien gibt, dass es ein Ende haben wird mit dem Schlendrian.
Dafür reichen keine allgemeinen Versprechungen. Dafür reicht es auch nicht, die europäischen Verträge so lange zu kneten, bis sie passen. Allein eine feste Verankerung von Kontroll-, Durchgriffs- und Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Schuldensündern in den Verträgen kann die Euro-Zone auf Dauer stabilisieren. Dabei geht es nicht um deutsche Dominanz, wie Berlin unterstellt wird, sondern es geht um europäische Vernunft. Wer die EU zusammenhalten will, der muss sie reformieren.
Die Alternative dazu wäre, dass die EU-Länder weiter auseinanderdriften: hier die Staaten mit dem Euro und dort jene ohne den Euro. Und innerhalb der Euro-Gruppe gäbe es die Starken, die den Schwachen verordnen, wohin die Reise geht. Bisher funktionierte die Währungsunion noch als Motor der politischen Integration. Wer nun auf die Reformen verzichtet, der schaltet den Motor bewusst ab. Der Euro stünde außerhalb der gemeinschaftlichen Strukturen der EU. Den Schaden trügen alle.
Viele Kritiker unterstellen der deutschen Bundeskanzlerin hegemoniale Absichten. In ihrem Eifer übersehen sie dabei, dass Merkels Konzept Europa nicht deutscher, sondern europäischer macht. Die neuen Regeln würden nicht nur für Athen, sondern auch für Berlin gelten.
Merkel schlägt also die richtige Strategie ein, wenn sie die Not der Stunde nutzen will, um die EU auf eine solide Basis zu stellen. Allerdings hat sie einen Wettlauf mit der Zeit angetreten. Reformen lassen sich nicht von heute auf morgen durchsetzen, aber die Finanzmärkte haben keine Geduld. Hier liegt das eigentliche Risiko für Merkel. Sie spielt ein mutiges Spiel, und wie es scheint, kann sie es auch gewinnen. Nach langem Zögern hat sich Nicolas Sarkozy jetzt in Straßburg auf ihre Seite geschlagen. Und in Mario Monti, dem neuen Ministerpräsidenten Italiens, hat sie einen weiteren Mitstreiter gefunden.
Deutsches Umfaller-Szenario
Dass nun die drei stärksten Volkswirtschaften der Euro-Zone an einem Strang ziehen, befreit Deutschland erstens aus seiner bisherigen Reformisolation. Und zweitens nimmt es jenen in der EU die Argumente, die klammheimlich darauf spekulierten, dass ein politisch isoliertes Berlin unter dem Druck der Märkte nachgeben würde, wenn Frankreich erst einmal Probleme bei der Refinanzierung seiner Schulden bekommt. Denn darauf konzentrierten sich bisher alle Spekulationen: Deutschland werde Frankreich beistehen - mit Hilfe der Notenpresse, mit Euro-Bonds, oder am besten mit beidem.
Wer auf ein deutsches Umfaller-Szenario gehofft hatte, der hat nie den Schaden für die EU kalkuliert. Denn wenn Merkel scheitert, dann hinterlässt sie ein politisch instabiles Deutschland mit einer eurofeindlichen Bevölkerung. Beides kann sich die EU nun überhaupt nicht leisten. Es wäre durchaus nicht sicher, ob es eine rot-grüne Regierung wagen würde, gegen eine wachsende Stimmung unter den Deutschen anzuregieren, die sich von Brüssel über den Tisch gezogen fühlen.
Paris und Berlin werden dem EU-Gipfel in vierzehn Tagen ihre Vorschläge für eine Fiskalunion vorlegen. Sie anzunehmen wäre der beste Dienst, den Europa sich selber tun kann. Nur so würde die EU politisch wieder handlungsfähig, nur so entstünde Vertrauen.
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(SZ vom 25.11.2011/aper)
..."finanzpolitischer Schlendrian", es ist unfassbar, wie ignorant die deutsche Journaille den Ursachen der Krise gegenüber ist. Den Schwachsinn von wegen Sanktionen, Durchgreifen und Zuckerbrot und Peitsche, anstatt echter, sachorientierter Lösungen müssen wir wahrscheinlich noch so lange lesen, bis es wirklich knallt.
Merkel wird immer noch als politisches Zugpferd abgefeiert, unfassbar... Sie war es, die sich mit Händen und Füssen gegen jede vernünftige Lösung gewehrt und Totsparpolitik nach IWF Machart als "alternativlos" propagierte, genauso wie die deutsche Journaille. Es kann einem nur noch übel werden angesichts dieser schamlosen Verdrehung der Realität.
... und nun auch Frau Merkel akzeptiert hat, dass Euro-Bonds das einzig vernünftige sind.
Wenn man bedenkt, dass der Erkenntnisprozess - Pardon, der Überzeugungsprozess - bei Frau Merkel rund ein Jahr gedauert hat, können wir uns ungefähr ausmalen, wie lange es dauern wird, bis die nötigen Vertragsänderungen bei Frau Merkel den Erkenntnispfad genommen haben und der neue Vertrag dann schlussendlich unterschriftsreif ist.
Nun ja, wir Deutschen machen uns bis dahin die Zeit kurz, und witzeln über die andern europäischen Staatsmänner, die allesamt nicht den Schimmer eines Durchblicks in der Finanzkrise haben.
sind politisch nur durchsetzbar, wenn Europa sich dafür zuvor die demokratische Legitimation gibt.
Ansonsten schlägt jede Opposition gegen jede einzelne Massnahme direkt gegen Europa durch und der Druck baut sich so lange weiter auf, bis alles auseinanderfliegt.
Wer jetzt die politische Dimension, das Demokratiedefizit ausblendet treibt Europa in ein Minenfeld!
wenn es geeignete Sanktionen gibt, habe ich nichts gegen einen vorübergehenden Aufkauf von Staatsanleihen. Allerdings müssten solche Sanktionen auch zielführend sein. Eine geringfügige Reduzierung von Strukturgeldern ist eher lächerlich, genauso auch irgendwelche Strafzahlungen. Ein direkter Eingriff in die Haushaltshoheit der einzelnen Staaten sehr problematisch (etwa Rentenkürzungen auf Vorgabe der EU), da sie dazu verleiten unpopuläre Massnahmen auf die EU abzuschieben.
Eine realistische Alternative könnte eine automatische MWSt.-Erhöhung für die "Sünderstaaten" sein. Dies liesse den Parlamenten ihre Freiheit, und nur wenn sie versagen, dann greift eben der Automatismus. Ich hätte auch nichts gegen automatische Zwangsanleihen oder Vermögensabgabe, aber da wird es kompliziert, da derartiges lokal problematische Auswirkungen haben könnte (für kleine Betriebe etwa), und nur noch mehr EU-Bürokratie bringt - so etwas sollten die Parlamente selber machen.
In diesem Artikel wird ganz offen zugegeben daß Deutschland die Melkkuh der EU ist, oder was sonst bedeutet es daß die EU sich ein Ausscheren Deutschlands "nicht leisten" könne?
Und dann noch die Formulierung daß gegen ein unzufriedenes - weil über den Tisch gezogenes - Volk "anregiert" werden müsse, was immer das bedeuten mag...
Sehr beängstigend !!!
Paging