Lebensstandard in Deutschland So soll der Wohlstand neu vermessen werden

Ein deutsches Einkaufszentrum: Künftig sollen zehn Messwerte Aufschluss über den Wohlstand der Deutschen geben.

(Foto: ddp)

Bei Fragen nach dem Wohlstand eines Landes ist man meist schnell beim Bruttoinlandsprodukt. Doch das sagt nichts über die sozialen und ökologischen Zustände aus. Union und SPD wollen deswegen zehn weitere Indikatoren für einen "Jahreswohlstandsbericht" heranziehen. Den Grünen ist das zu kompliziert.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Der Wohlstand der Deutschen soll neu vermessen werden. Das geht aus einem Bericht der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" hervor, der diesen Montag verabschiedet werden soll. Die Annahme gilt als sicher. "Die große Mehrheit ist sich über die neue Messung soweit einig", sagte die Vorsitzende der Kommission, Daniela Kolbe (SPD), der Süddeutschen Zeitung. "Wir brauchen ein Verständnis von Wohlstand, das über das Bruttoinlandsprodukt hinausgeht."

Derzeit ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der gängigste Gradmesser des wirtschaftlichen Wohlergehens. Es misst den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr erstellt werden. Seit jeher stößt dieser Ansatz auf Kritik. Denn das BIP sagt nichts darüber aus, unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen in einem Land gewirtschaftet wird. Der Messwert Inlandsprodukt, so heißt es im Bericht, müsse "ergänzt oder erweitert werden, damit ein umfassendes Bild gesellschaftlichen Wohlstands entstehen kann".

Demnach sollen künftig zehn Messwerte Aufschluss über das Befinden geben. So treten zur Messung der Wirtschaftslage neben das BIP je Einwohner auch der Schuldenstand und die Verteilung der Einkommen. Letzteres soll ein Indikator bewerten, der das Gesamteinkommen des Fünftels mit den höchsten Einkommen ins Verhältnis zu jenem der einkommensschwächsten 20 Prozent setzt. Hinzu kommen Messwerte über die soziale Situation, erhoben in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Qualität der Arbeit. Auch ein Weltbank-Index über die Rechtsstaatlichkeit soll hier einfließen.

Grüne wollen Votum gegen Bericht einlegen

Den Zustand der Umwelt sollen Zahlen zur Artenvielfalt, zum Klimaschutz und zum Stickstoffkreislauf - aussagekräftig für die Landwirtschaft - aufschlüsseln. Viele dieser Indikatoren gibt es bereits, sie werden alle vier Jahre im Nachhaltigkeitsbericht der Bundesregierung publiziert. Allerdings findet der Bericht in der Regel wenig Beachtung.

Die zehn Eckwerte sollen einmal jährlich in einen "Jahreswohlstandsbericht" einfließen, Regierung und Sachverständige sollen Stellung dazu beziehen. Ein entsprechender Antrag solle fraktionsübergreifend noch vor der Sommerpause im Bundestag eingebracht werden. "Wir wollen das noch diese Legislaturperiode über die Bühne bringen", kündigte Kolbe an.

Auf den Rückhalt der Grünen allerdings müssen Union und SPD verzichten. Sie werden an diesem Montag ein Sondervotum zu dem Bericht einbringen - ihnen ist das neue Messverfahren noch zu kompliziert. "Was die Welt bestimmt nicht braucht, ist das von der Mehrheit vorgeschlagene Indikatorenwirrwarr", sagte Hermann Ott, Obmann der Grünen in der Enquete-Kommission. Seine Fraktion tritt für einen "Wohlstandskompass" mit nur vier Messwerten ein.

Außer dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und der Einkommensverteilung soll künftig auch der Verbrauch von Natur und Ressourcen den wahren Wohlstand anzeigen, angereichert um eine Befragung zur Lebenszufriedenheit. In der Wissenschaft allerdings sind solche Umfragen umstritten.