Lebensmittel Dieser Laden verkauft nur aussortierte Lebensmittel

Krumm, aber noch gut: In vielen Supermärkten landet solches Gemüse erst gar nicht. Die Betreiber von Sirplus wollen das ändern.

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  • Zwei Berliner Geschäftsleute haben einen Supermarkt eröffnet, der nur Lebensmittel mit Macken oder abgelaufener Haltbarkeit im Sortiment hat.
  • Die Betreiber wollen auf die Verschwendung von Lebensmitteln aufmerksam machen. Der Supermarkt soll aber auch Geld abwerfen.
Von Hannah Beitzer, Berlin

Die Quetschies haben einen eigenen Bereich in dem kleinen Laden im Westen Berlins. Tube für Tube reiht sich das Fruchtpüree aneinander: Banane, Erdbeere, Quinoa, Mandarine, Süßkartoffel. In normalen Supermärkten würden diese Packungen nicht mehr stehen. Denn die Quetschies haben das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten.

Dabei könne man sie ohne Weiteres noch essen, sagt Raphael Fellmer. "In Deutschland wird pro Minute eine Lkw-Ladung an Lebensmitteln vernichtet." Eine unglaubliche Verschwendung, findet er. Und hat deswegen gemeinsam mit Martin Schott und Alexander Piutti einen Supermarkt mit Lebensmitteln eröffnet, die anderswo auf den Müll wandern würden: Auberginen mit kleinen Macken, Brot vom Vortag, schrumpelige Karotten und Äpfel. Oder auch Chips und Müsli, die die Hersteller nicht mehr an die Händler loswerden, weil sie nur noch einige Wochen haltbar sind.

Sirplus heißt das Start-up, das dahintersteckt, auf den Supermarkt soll ein Lieferservice folgen. "Lebensmittel retten" nennt Fellmer das, was sie machen. Sie kaufen die abgelaufenen oder aus anderen Gründen aussortierten Lebensmittel für einen kleinen Betrag von Herstellern oder Händlern und verkaufen sie weiter, für einen geringeren Preis als im normalen Handel.

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Gerade gibt es in dem kleinen Laden vor allem Obst, Gemüse und Abgepacktes wie Müsli, Chips und Getränke. Bald soll das Sortiment noch größer werden. Nur Fleisch, Fisch und Milchprodukte wird es nicht geben. Die strengen deutschen Hygienevorschriften lassen das nicht zu. Die Gründer und ihre Mitarbeiter prüfen die Lebensmittel stichprobenartig, ob sie noch gut sind. Ihnen geht es auch darum, ihre Kunden für die allgegenwärtige Verschwendung zu sensibilisieren. "Viele Leute werfen Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum einfach weg, anstatt sie anzuschauen, an ihnen zu riechen", sagt Fellmer.

Bis aus dem Öko-Aktivisten ein Gründer wurde, hat es ein wenig gedauert. Fünfeinhalb Jahre lang lebte er ohne Geld, holte sich sein Essen aus den Mülleimern der Supermärkte. "Containern" nennt er das. "Das ist eigentlich illegal", sagt er, "deswegen habe ich nach Möglichkeiten gesucht, diese Lebensmittel auf legalem Wege anderen Menschen zugänglich zu machen." Die Lebensmittelretter suchten das Gespräch mit den Händlern, holten das Essen nicht mehr heimlich, sondern offiziell aus den Hinterhöfen und verteilten es untereinander, an Organisationen oder über Lebensmittelkühlschränke, die es inzwischen in vielen Städten Deutschlands gibt.

"Ich wollte, dass die Idee zum Mainstream wird"

Doch Fellmer wurde irgendwann klar: Das Zielpublikum dafür ist begrenzt, nicht jeder hat einen Lebensmittelkühlschrank in der Nachbarschaft, nicht jeder hat Zeit, ehrenamtlich "Lebensmittel zu retten". "Ich wollte, dass die Idee zum Mainstream wird", sagt er. Wichtiger als der Laden sei da noch der geplante Lieferservice. Das Geld für die Ladeneröffnung haben die drei Gründer per Crowdfunding zusammenbekommen. Sie arbeiten mit BioCompany, Metro Berlin und einigen Lebensmittelherstellern zusammen. Wie zum Beispiel dem Unternehmen Erdbär, das die Quetschie-Marke "Freche Freunde" produziert. "Berlin Recycling", eine Tochter des Berliner Abfallunternehmens BSR, steuert einen Teil der Miete für den Laden bei.

Anders als die Projekte, die Fellmer vorher losgetreten hat, ist es hier wichtig, dass der Supermarkt Geld abwirft. Das erklärt Mitgründer Alexander Piutti. "Wir wollen unsere Mitarbeiter bezahlen, wir wollen auch genügend Geld haben, um eine anständige Plattform für den Lieferservice aufzubauen", sagt er. Auch Fellmer hat inzwischen das geldlose Leben aufgegeben. Er ist jetzt Familienvater, sagt er, und lächelt beinahe entschuldigend. Da ist so ein Geldstreik nicht mehr ohne weiteres drin.

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