Russlands Exportstopp für Weizen Weltbank warnt vor Ernährungskrise

In Russland, immerhin drittgrößter Weizenproduzent der Erde, geht ein Großteil der Ernte in Flammen auf. Die Preise für Agrargüter steigen dramatisch - notfalls will die Weltbank einen Nahrungsmittel-Fonds reaktivieren.

Von Janek Schmidt

Die Weltbank hat wichtige Weizenexporteure davor gewarnt, Ausfuhrstopps zu verhängen. Ansonsten könnte es zu einer neuen Nahrungsmittelkrise kommen, sagte Weltbank-Direktorin Ngozi Okonjo-Iweala. Die große Trockenheit in mehreren Regionen könnte Länder dazu veranlassen, dem Beispiel Russlands zu folgen und den Export einzuschränken. Das Welternährungsprogramm (WFP) sieht bereits eine gefährliche Preisspirale. Das veränderte Klima setzt auch dem Reis zu, wie Forscher ermittelt haben.

Brände in Russland vernichten die Ernte - nicht ohne Folgen für den Weltmarkt.

(Foto: dpa)

Ursache für die Sorge vor einer Lebensmittelkrise, wie es sie 2008 gegeben hatte, sind drastische Ernteausfälle in mehreren wichtigen Anbauländern. Insbesondere Russland, der weltweit drittgrößte Weizenproduzent mit einer Jahresproduktion von bis zu 100 Millionen Tonnen, erwartet wegen Dürre und Waldbränden einen Ernteeinbruch von 20 Prozent. Folglich kündigte Premierminister Wladimir Putin am vergangenen Donnerstag einen temporären Exportstopp für Weizen an, der bis mindestens Ende des Jahres dauern könnte.

Die Ukraine und Kasachstan, weitere wichtige Weizenexporteure, sind von der Dürre ebenfalls betroffen und befürchten ähnlich große Rückgänge ihrer Ernten. Auch in Westaustralien gefährdet eine anhaltende Trockenheit die dortige Weizenproduktion. Indessen haben einige Länder mit dem gegenteiligen Problem zu kämpfen. So bedrohen Überschwemmungen in Pakistan, Indien und China sowie ungewöhnlich hohe Niederschläge und Feuchtigkeit in Kanada die Weizenherstellung in weiteren wichtigen Anbauländern.

Als Folge dieser Wetterextreme und der damit verbundenen Ernteprobleme hat sich der Preis von Weizen innerhalb eines Monats verdoppelt. Obwohl er Anfang dieser Woche wieder etwas zurückging, ist die Weltbank so besorgt wegen der Entwicklung, dass sie ankündigte, im Falle einer wachsenden Weizenknappheit einen Nahrungsmittel-Fonds zu reaktivieren.

Der Fonds war 2008 geschaffen worden, um Entwicklungsländer bei Einkauf und Produktion von Nahrungsmitteln zu unterstützen. Derzeit sind nach Weltbankangaben umgerechnet 615 Millionen Euro in dem Fonds. Zwar sehen Rohstoffanalysten der Bank noch keine dramatische Krise, sagte Weltbank-Direktorin Okonjo-Iweala, doch warnte sie: "Obwohl man verstehen kann, wieso Regierungen eine bestimmte Politik einführen, die für ihre eigenen Länder gut ist, sind Vorgehensweisen wie etwa Exportverbote nicht immer das beste Mittel. Sie beeinträchtigen den Markt und führen dazu, dass Länder ihre Nahrungsmittel horten."

Schon jetzt kämpfen einige Staaten mit der erneuten Knappheit an Weizen. So versucht Bangladesch derzeit, alternative Verkäufer von Nahrungsmitteln zu finden, nachdem zwei russische Getreidelieferanten am Freitag mitgeteilt hatten, dass sie den zugesagten Verkauf von 65.000 Tonnen Weizen zurückziehen würden - und damit knapp drei Prozent des jährlichen Importbedarfs von Bangladesch. Nun hofft die Regierung, dass das Nachbarland Indien den Ausfall ausgleichen wird.

Auch der weltweit größte Weizenimporteur Ägypten ist von dem russischen Exportstopp betroffen. In den vergangenen zwölf Monaten bezog Ägypten nach Angaben der Behörden in Kairo fast 60 Prozent seines Weizens aus Russland. Umso besorgter verhandelt Ägypten nun mit Moskau über eine Nachlieferung von 650000 Tonnen Weizen, die Kairo für die kommenden sechs Wochen in Russland bestellt hatte.

Was die Lage auf den Getreidemärkten bislang erleichtert, ist nach Angaben des WFP die gute Vorratslage in den Getreidesilos nach der weltweiten Rekordernte 2009. Allerdings sagt der Leiter des WFP-Büros in Berlin, Ralf Südhoff: "Das vergangene Jahr war nur eine Atempause, mit hoher Produktion, weil das Wetter ungewöhnlich gut war". Folglich seien die Preise 2009 wieder etwas gesunken, was auch daran lag, dass die Nachfrage an den Rohstoffbörsen während der Finanzkrise zurückging.

Studie entlastet Spekulanten

Trotz der niedrigen Preise sei die Zahl der Hungernden 2009 aber um 100 Millionen auf mehr als eine Milliarde gestiegen. "Was uns jetzt besorgt, ist, dass sich der Trend zur Verbilligung der Nahrungsmittel vor sechs Monaten wieder umgekehrt hat", sagt Südhoff. So liege der UN-Preisindex für Nahrungsmittel heute nur noch 15 Prozent unter dem Rekordniveau von 2008.

Wie stark dieser Anstieg von Investoren an der Börse getrieben wird, ist umstritten. Eine neue OECD-Studie über Rohstoffpreise in den vergangenen drei Jahren entlastet jedoch die Spekulanten. Demnach kauften die Investoren vor allem sogenannte Terminkontrakte, also den Anspruch auf eine Menge Getreide in beispielsweise sechs Monaten. Nachdem die Preise für diese Terminkontrakte gestiegen waren, hätte man erwarten können, dass Zwischenhändler ihr Getreide in Silos einlagern würden, um es später teurer zu verkaufen. Allerdings leerten sich viele Speicher, während die Preise für Terminkontrakte weiter stiegen. Zudem verteuerten sich auch Nahrungsmittel wie Äpfel oder Bohnen, für die es keine Terminkontrakte gibt. Kritiker der Studie wenden jedoch ein, dass Verträge für den unmittelbaren Getreide-Verkauf oft so ausgehandelt sind, dass die Preise von Terminkontrakten abhängen. Somit hätten Spekulanten durchaus Einfluss auf den Preis konkreter Getreide-Lieferungen.(Wissen)