Konzernumbau Was wird vom Siemens-Konzern übrig bleiben?

Man muss sich in die Welt des Joe Kaeser versetzen, um darauf eine Antwort zu finden. Kaeser ist 60 Jahre alt und arbeitet seit fast 40 Jahren bei Siemens. Er ist einer, der die Geschichte des Konzerns kennt wie kaum ein anderer. Und doch ist er dabei, alles, was er mit aufgebaut hat, einzureißen. Und er hat das warnende Bild des US-Konkurrenten General Electric (GE) vor Augen, der gerade in einer tiefen Krise ist und große Einschnitte vornehmen muss.

Siemens, ein Konzern-Koloss, der von Kraftwerken über Ultraschallgeräte und Computertomografen bis zu digitalen Fabriklösungen alles macht, ist groß, vielleicht zu groß - so wie GE. Kaeser stammt aus einer Zeit, in der Siemens noch Handys produzierte und eine Lichttochter namens Osram besaß. Kaeser hat erlebt, wie die Handysparte nach Asien verkauft und das ertragsschwache Telekommunikations-Netzwerkgeschäft mit einem Teil des finnischen Nokia-Konzerns zusammengelegt wurde. So ging es jahrelang: Alte Geschäfte wurden gekappt, neue aufgebaut. Jedes Mal wurde das Trauma für die Siemensianer größer. Und jetzt trifft es auch noch das einstige Kerngeschäft, die Energietechnik. Ein Autobauer wie BMW baut immer Autos - aber wofür steht Siemens in Zukunft?

Bei Siemens herrscht an vielen Standorten nackte Angst

Das Unternehmen will in seiner Kraftwerkssparte Tausende Jobs streichen. Aufsichtsrat und IG-Metall-Vertreter Jürgen Kerner empfiehlt der Belegschaft, Überstunden zu verweigern. Von Thomas Fromm mehr ...

Kaeser hat längst andere Fragen: Wie schafft es dieser Tanker Siemens in die Zukunft? Seine Antwort: Nicht Größe ist entscheidend, nicht die Zahl der Geschäftsbereiche. Er will ein neues Unternehmen schaffen - mit einem harten Kern und vielen flexiblen Geschäftseinheiten. Ob die in Gemeinschaftsfirmen mit Franzosen oder Spaniern arbeiten oder an der Börse notiert sind - egal, solange sie "fokussierte Spezialisten" seien. Der alte schwerfällige Tanker Siemens soll weg, gefragt sind viele kleine Schnellboote, "die sich am besten an die sich rapide verändernden Umgebungsbedingungen anpassen", fordert er.

In der Theorie klingt das zumindest interessant. In der Praxis ist das eine riskante Versuchsanordnung. Viele Mitarbeiter wissen, dass sie vielleicht keinen Platz auf einem der Schnellboote bekommen. Vor einigen Tagen lobte Kaeser, dass Siemens heute zu den zehn größten Software-Firmen der Welt zähle. 23 000 Software-Ingenieure habe man im Haus. Das Problem ist nur: Siemens hat insgesamt an die 350 000 Mitarbeiter - noch.

"Was wird aus den Menschen?"

Dass sich Siemens ständig neu erfindet, ist eines der Naturgesetze des Konzerns. Die Streichungen in der Energiesparte jedoch machen vielen Mitarbeitern Angst. Von Thomas Fromm mehr...