Siemens Bei Siemens herrscht an vielen Standorten nackte Angst

"Die Beschäftigten wollen keine Radikallösung", sagt Jürgen Kerner, IG-Metall-Vorstandsmitglied und Siemens-Aufsichtsrat.

(Foto: REUTERS)
  • Bei Siemens stehen wieder tausende Jobs auf der Kippe.
  • Bis zu 11 der weltweit 23 Standorte in der Kraftwerkssparte werden geschlossen.
  • Unter den Arbeitnehmern herrscht Wut.
Von Thomas Fromm

Zuletzt noch sah es so aus, als würden beide an einem Strang ziehen. Als die Siemens-Führung beschloss, die Zugsparte mit dem französischen Hersteller Alstom zusammenzulegen, gaben die Arbeitnehmervertreter grünes Licht - unter der Bedingung von Standortgarantien und einem Kündigungsverzicht für mindestens vier Jahre. Die Botschaft: Man kann sich mit uns einigen. Aber man muss schon vorher mit uns reden. Doch jetzt ist etwas kaputtgegangen zwischen Vorstand und Arbeitnehmerlager des großen Konzerns, und das könnte daran liegen, dass über wichtige Dinge nicht geredet wurde.

Seit über die Medien bekannt wurde, dass wieder einmal Tausende Jobs bei Siemens auf der Kippe stehen und bis zu 11 der weltweit 23 Standorte in der Kraftwerkssparte geschlossen oder verkauft werden könnten, sind die Arbeitnehmer wütend. "Die Beschäftigten wollen keine Radikallösung", sagt Jürgen Kerner, IG-Metall-Vorstandsmitglied und Siemens-Aufsichtsrat, zur Süddeutschen Zeitung. "Sie wollen wissen, wie das Geschäft neu aufgestellt werden kann. Und wie man da, wo Aufgaben wegfallen, kreativ sein und einen Ersatz finden kann."

"Vertragstreue wäre jetzt angemessen, aber ich befürchte, dass gepokert wird"

Eigentlich war es bisher Konsens: Jobs und Fabriken sind durch einen Standort- und Beschäftigungssicherungspakt geschützt. "Vertragstreue wäre jetzt angemessen, aber ich befürchte, dass gepokert wird", warnt Aufsichtsrat Kerner. "Aber wir haben einen langen Atem und sind bereit, das notfalls auch länger auszufechten." Eine klare Drohung in Richtung Siemens-Vorstand: Man braucht die Eskalation zwar nicht - aber man nimmt sie hin, wenn es nicht anderes geht. Auf der Internetseite der Siemens-Leute bei der IG Metall steht "5 vor 12 bei Siemens" oder "Vorstand auf Kollisionskurs". So mies war die Stimmung lange nicht mehr.

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Wenn sich Siemens-Management und Arbeitnehmervertreter gegenübersitzen, um darüber zu diskutieren, wie es weitergeht, ist das Routine. Es passiert eher selten, dass die Arbeitnehmervertreter ihre Taschen packen und wieder abziehen. So aber war das an diesem Donnerstag.

Überraschend hatte die Konzernspitze in den Wirtschaftsausschuss geladen, um über die aktuellen Sparpläne zu informieren. Tausende Jobs und ganze Standorte auf der Kippe - Stoff gab es reichlich. Doch statt über konkrete Abbaupläne soll die Managertruppe um Arbeitsdirektorin Janina Kugel vor allem über die Lage im Kraftwerks- und Antriebsgeschäft berichtet haben. "Das alles kennen wir schon seit zwei Jahren", heißt es aus dem Arbeitnehmerlager. Und so kam es, dass die Betriebsräte genauso schlau wie vorher wieder abreisten. Im Konzern heißt es dagegen, man habe lediglich "ein Update" zur sich "verschärfenden Situation" geben wollen.

Nun aber, es hilft nichts, sind die Horrorszenarien im Raum. Werke wie die ostdeutschen Standorte Görlitz und Erfurt sollen akut gefährdet sein, auch die Produktion am zweitgrößten Standort Berlin ist nicht mehr sicher. "Es herrscht an vielen Standorten inzwischen die nackte Angst", sagt IG-Metall-Mann Jürgen Kerner. Und so wurde am Mittwoch an Standorten wie Mülheim, Erfurt, Erlangen, Görlitz und Leipzig protestiert. Solche Proteste wird es jetzt wohl noch öfter geben, aber nicht nur. "Ist jetzt noch die Zeit, Überstunden und Mehrarbeit zu leisten?", fragt Jürgen Kerner. Dienst nach Vorschrift also - nach Protesten wäre dies die nächste Eskalationsstufe. "Ich wundere mich, wenn einerseits Überstunden beantragt werden und andererseits Arbeitsplätze zur Diskussion gestellt werden. Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen werden hier richtig reagieren", so Kerner.

Den Investoren gefällt, was Siemens-Chef Kaeser macht

Im Grunde, sagt die Arbeitnehmerseite, gehe es um die Frage, wo ein Konzern seine Prioritäten setze. Bei den Investoren oder bei den Mitarbeitern? Bei der Marge oder bei den Menschen? Zumindest den Investoren gefällt, was Siemens-Chef Kaeser macht. Die Zugsparte und das Windkraftanlagengeschäft fusionieren, das Medizintechnikgeschäft in Richtung Börse schieben - Siemens, der alte Industriekonzern, der immer mehr zu einer Holding mit angeschlossenem Beteiligungsmanagement wird, ist an der Börse überaus erfolgreich. Die Aktie wird immer teurer und kostete am Freitag 120,50 Euro.

Die IG Metall will nun Hilfe in der Politik suchen. "Denn es geht hier auch um eine politische Frage", so Aufsichtsrat Kerner: "Wie gehen die Eliten eigentlich mit der Gesellschaft um?" Mindestens die SPD hat den Ball schon aufgenommen. Deren Politikerin Brigitte Zypries, geschäftsführende Wirtschaftsministerin, warnt Kaeser in einem Brief, über den Bild berichtet, es sei "besonders kritisch, wenn Standorte in strukturschwachen Regionen zur Disposition stehen". Sie stellt einen Zusammenhang mit dem Erstarken des Rechtspopulismus her: "Andernfalls wachsen Unmut und Zweifel und brechen sich auch politisch Bahn - das konnten wir bei der Bundestagswahl schon erleben."

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